TAG 38

Posted in Die Sechste Woche on 30 März, 2008 by Limbo

Es ist dunkel. Mein Kopf tut weh. Ich weiß nicht, wo ich bin. Sie bringen mich fort…

TAG 37

Posted in Die Sechste Woche on 28 März, 2008 by Limbo

Es muss Mittag sein, als ich aufwache, ich drehe mich verschlafen herum und erkenne, dass sie verschwunden ist. Als ich aus der Scheune trete blendet mich die Sonne und für einen Augenblick befürchte ich, davon blind zu werden. Noch bevor sich meine Augen beruhigt haben, nähert sie sich mir und tippt mir auf die Schulter. Ich sehe nur verschwommen und blicke sie mit zusammen gekniffenen Augen an. „Komm mit!“ sagt sie und ich folge ihr.

Sie geht auf das Bauernhaus zu, dessen Eingangstür nun offen steht und führt mich hinein.

„Der Hof hat früher einmal meinen Großeltern gehört, als Kinder haben wir auf dem Heuboden verstecken gespielt“, erklärt sie und wir betreten die Küche, wo sie etwas zu essen hergerichtet hat. Ich schaue mich in der Küche um, hier sieht alles aus, wie man es erwartet. Nichts weiß darauf hin, dass hier niemand mehr wohnt.

„Und wo sind deine Großeltern?“ frage ich sie.

„Sie sind tot.“

Sie erkennt die Frage in meinem Blick anscheinend.

„Vor ein paar Wochen bin ich hier her gekommen und habe geputzt. Auch die Lebensmittel sind frisch, mach dir mal keine Sorgen.“

Vor ein paar Wochen. Hat sie diese Flucht, oder als was auch immer man es bezeichnen müsste also schon länger  geplant?

Während wir frühstücken wird der Drang sie zu fragen, was hier überhaupt vor sich geht immer stärker, doch seltsamerweise bekomme ich kein Wort heraus. In meinem Kopf lege ich mir alles zurecht, doch was auch immer mich gerade interessiert erscheint mir zu plump, zu persönlich oder zu belanglos.

Auch sie ist still, wie auf der Autofahrt schon. Nachdem wir gemeinsam den Abwasch erledigt haben führt sie mich wieder nach draußen und schließt die Haustür ab.

„Wäre es nicht besser im Haus zu bleiben?“ frage ich.

„Vermutlich, aber ich bin nicht gerne da drinnen. Es ist…“ sie schluckt. „Es ist besser, wenn ich dir das alles ein anderes Mal erkläre.“

Dies scheint mir die perfekte Überleitung zu sein, um sie zu fragen wer uns folgt und aus welchem Grund, doch noch bevor ich etwas sagen kann erklärt sie mir: „Hör mal, ich muss noch mal ein paar Stunden weg. Ist es in Ordnung, wenn du hier auf mich wartest?“

„Was? Was soll ich denn die ganze Zeit machen? Was ast du denn überhaupt vor?“

„Ich habe noch etwas zu erledigen. Und es wäre besser, wenn ich es alleine mache. Es wird auch nicht lange dauern. Du kannst hier anstellen was du willst, in Ordnung?“

Ich nicke nur, was bleibt mir schon anderes übrig? Und dann verschwindet sie, zu Fuß. Ich bleibe auf dem Hof zurück, schlendere ein wenig herum, doch es findet sich nichts, mit dem ich mich beschäftigen könnte.

Ich kehre in die Scheune zurück und steige auf den Heuboden. Dort greife ich mir mein Notizbuch und beginne ein wenig zu schreiben. Die Stunden ziehen sich träge dahin und sie kehrt nicht zurück.  Es ist wirklich seltsam, ich habe sie noch nicht einmal nach ihrem Namen gefragt.

Als es zu dämmern beginnt, wird es unheimlich hier alleine auf dem Hof. Die Luft kühlt sich ab, überall knackt und raschelt es. Wieder ziehe ich die Leiter zu mir nach oben auf den Heuboden und hole meine Taschenlampe hervor.

Wieder vergehen Stunden, die ich alleine auf dem Heuboden sitze und in mein Buch schreibe, belanglose Dinge, denen ich selber keine Bedeutung zumessen kann, dann höre ich Motorengeräusche. Ich lösche das Licht und lausche. Ein Wagen hält auf dem Hof. Ich kauere mich im Stroh zusammen und warte. Ich kann Schritte hören. Dann knarrt die Tür der Scheune. Ich halte die Luft an und schließe die Augen.

TAG 36

Posted in Die Sechste Woche on 27 März, 2008 by Limbo

Es gelingt mir nicht, noch einmal einzuschlafen. Leise, um sie nicht zu wecken, steige ich die Treppe herunter, verlasse die Scheune und begehe den Bauernhof wenig. Er ist wirklich nicht besonders, rech klein und unscheinbar sogar. Außer der Scheunen gibt es noch einen kleinen, leer stehenden und verwitterten Stall, in dem mal Kühe gehalten wurden sein mussten, wenn mich nicht alles täuscht. Ein beißender Geruch steigt mir immer noch in die Nase.

Das Bauernhaus selber scheint in tadellosem Zustand zu sein. Ich werfe einen Blick durch eines der Fenster. Es gibt kein Anzeichen dafür, dass hier heute noch irgendjemand lebt. Zwar stehen noch Möbel im Inneren, aber von Leben keine Spur. Auch befinden sich auf dem gesamten Gelände keine Fahrzeuge. Ich frage mich, warum sie es sich dann jedoch in der Scheune gemütlich gemacht hat, anstatt im Haus zu nächtigen.

Ich prüfe die Haustür, sie ist verschlossen. Doch mit welcher Leichtigkeit sie Autos klaut und in meine Wohnung eingedrungen ist, dürfte auch das kein Hindernis für sie sein.

Wenn man sich umschaut, dann gibt es hier kilometerweit nichts, außer diesem Hof. Er liegt mitten im Nirgendwo, zwischen Wiesen und kleinen Wäldchen. Sie muss hier aus der Gegend stammen, da bin ich mir sicher, sonst würde sie diesen Ort nicht kennen. In gewisser Weise erleichtert es mich, denn hier wird es schwer sein uns zu finden. Sofern uns überhaupt jemand folgen sollte. Sie schien sich ihrer Sache recht sicher zu sein, doch bezweifle ich immer noch ernsthaft, dass uns wirklich eine Gefahr droht. Sicher könnte es unangenehm sein, aber so schlimm, dass man sich dafür hunderte von Kilometern ins Unbekannte flüchten müsste?

Sie weiß natürlich, wer uns folgen könnte und wird dis bestimmt nicht aus purer Freude machen. Doch wie passe ich da rein?

Mir ist klar, dass ich keine Lösung dafür finde, auch nicht hier auf dem Hof. Das einzige was ich tun kann ist darauf zu warten, dass sie aufwacht und mir alles erklärt. Also kehre ich in die Scheune zurück, steige die Leiter hinauf und setze mich ins Heu. Mir fällt ein, dass es von Vorteil sein könnte, sollte und jemand folgen und eventuell sogar finden, nicht so leicht entdeckt zu werden. Ich stehe noch einmal auf und ziehe die Leiter nach oben. Sie ist schwerer als ich gedacht habe, aber es gelingt mir. Ich lege das alte Ding vorsichtig auf den Boden. Nun sollte es nahezu unmöglich sein, hier herauf zu kommen.

Ich lege mich hin und schließe die Augen. Erschöpft bin ich, aber nicht wirklich müde. Der Schlaf lässt lange auf sich warten. Ich denke an zu Hause.

TAG 35

Posted in Die Fünfte Woche on 26 März, 2008 by Limbo

Wir fahren so lange, wie die Tankfüllung reicht. Nachdem die Reserveleuchte aufblinkt, fährt sie von der Autobahn ab, jedoch nicht um zu tanken, wie ich annehme, sondern um einen neuen zu stehlen. Mit der selben Leichtigkeit wie zuvor schließt sie ihn kurz- und wir fahren wieder auf die Autobahn. Immer noch blickt sie häufig nervös in den Rückspiegel und spricht kein Wort. Auch ich bin zu müde zum reden, zu erschöpft, fühle mich in gewisser Weise ausgebrannt. Hin und wieder frage ich mich, wies es dazu kommen konnte, was ich hier überhaupt mache und warum gerade ich hier rein geraten bin. Sehnsüchtig erwarte ich ihre Erklärung.

Als es anfängt Dunkel zu werden fährt sie erneut von der Autobahn ab. Ich kenne die Gegend nicht, in der wir uns befinden, doch ihr scheint sie bekannt zu sein. Sie fährt auf eine Bundesstraße, die sich Kilometer weit durch ein Nichts von Wiesen, Wäldern und Feldern zieht. Irgendwann hält sie unvermittelt an und befiehlt mir auszusteigen. Ich blicke sie fragend an, doch anstatt einer Erklärung bekomme ich lediglich noch einmal die gleiche Aufforderung. Ich greife nach meiner Sporttasche auf dem Rücksitz und steige aus. Sie folgt mir, geht um den Wagen herum, bittet mich anschieben zu helfen und gemeinsam gelingt es uns ihn in eine Grube rollen zu lassen. Warum wir was tun ist mir in diesem Moment noch ein Rätsel, doch in gewisser Weise traue ich ihr.

Ich folge ihr über eine die riesigen Wiesen, sie scheint die Gegend wirklich bestens zu kennen. Nach etwa einem Kilometer Fußmarsch durch die kalte Nacht gelangen wir zu einem verlassenen Bauernhof. Sie muss von ihm gewusst haben und ihn sich die ganze Zeit schon als Ziel ausgesucht haben. Ich folge ihr in die leer stehende Scheune, wo sie sofort über eine Leiter auf den Heuboden klettert. Ich krame meine Taschenlampe aus meiner Tasche hervor und versuche alles zu überblicken. Hier steht viel Gerümpel rum, nichts Brauchbares leider. Ich steige die brüchig wirkende Leiter auf den Heuboden empor, will sie fragen, wie es jetzt weitergeht, doch sie hat sich bereits in das Heu gelegt und ist eingeschlafen. Morgen vielleicht.

Ich setze ich neben sie auf das Heu und blicke mich in der Scheune um. Es ist in Ordnung hier zu sein, doch sehne ich mich nach meiner Wohnung. Schmerzlich denke ich an all die Dinge, die ich dort zurück gelassen habe und hoffe, dass niemand die offene Tür bemerkt.

An Schlaf ist zur Zeit noch nicht zu denken. Still sitze ich einfach nur da, lösche das Licht und starre in die Dunkelheit, begleitet von ihrem, immer ruhiger und gleichmäßiger werdendem Atem.

TAG 34

Posted in Die Fünfte Woche on 25 März, 2008 by Limbo

Sie sagt, sie kann mir nicht alles erzählen- noch nicht. Aber sie wird es, sobald wir in Sicherheit sind. Ich weiß nicht was ich davon halten soll. Sie bittet mich, mit ihr aufs Land zu verschwinden, dort würden sie uns nicht finden. Sie- ein vollkommen schwammiger Begriff. Wer sind „sie“? Natürlich denke ich an den Riesen, aber wissen kann ich es selbstverständlich nicht, genauso wenig, um wie viele es sich handelt und was sie tun, sollten sie uns finden.

Wieso sie ausgerechnet mir traut, frage ich und sie weiß keine Antwort darauf, fleht mich nur noch einmal an, und sagt ausdrücklich, dass wir jetzt, aber besten schon vor fünf Minuten, los müssten.

Am liebsten würde ich nein sagen, mich einfach aus dieser ganzen Sachen heraus halten, aber ein Blick in ihre tiefgrünen Augen macht es mir nicht einfach. Evolutionstechnisch ist es wohl ganz normal, dass sich Frauen an Männern wenden, wenn sie Hilfe brauchen, weil sie wissen, dass wir nicht in der Lage sind es abzulehnen. Sind die Beschützerinstinkte erst einmal geweckt, handeln wir nicht mehr wie denkende Wesen. Während sie am Küchentisch sitzen bleibt, packe ich in meinem Schlafzimmer ein paar Dinge in meine Sporttasche. Kleidung, mein  Notizbuch, etwas zu Essen, das große Küchenmesser.

Als ich die Küche wieder betrete, steht sie auf und schaut mich an. Draußen scheint die Sonne, aber es scheint kalt zu sein. Der Tag wirkt so zerbrechlich wie dünnes Glas.

Ich nicke ihr zu, als Zeichen von hier zu verschwinden. Wohin, steht noch nicht fest, wie, das wissen wir nicht. Sie sagt, wir müssen ein Auto suchen, sie selber hat keins, aber es gäbe genug davon, die niemand mehr benutzt.

Vorsichtig schleichen wir uns aus meiner Wohnung und durch den Hausflur, raus auf die Straße, um die nächste Ecke, laufen Richtung Stadtzentrum wo sie einen Wagen entdeckt. Niemand ist zu sehen. Besorgniserregend routiniert bricht sie die Tür auf und schließt den Wagen kurz. Auf meine Frage, woher sie weiß, wie sowas geht, antwortet sie nicht. Sie setzt sich hinter das Steuer und gibt mir zu verstehen, dass ich auf dem Beifahrersitz platz nehmen soll. Der Wagen setzt sich in Bewegung, die Häuserfassaden rasen an uns vorbei, wir nehmen die Autobahn Richtung Süden- warum wissen wir beide nicht, haben aber ein gutes Gefühl dabei. Immer wieder wirft sie einen Blick in den Rückspiegel, doch die Straßen sind wie ausgestorben. Sie redet nicht, das Radio bleibt stumm. Lediglich das Brummen des Motors begleitet unsere Fahrt. Ich überlege noch sie zu fragen, warum die Wohnung leer war, als ich dort eingedrungen bin, schaffe es aber nicht mehr, mir fallen die Augen zu.

TAG 33

Posted in Die Fünfte Woche on 24 März, 2008 by Limbo

Ich kann hören, wie sich die Tür öffnet, wie sie gegen die Kommode schlägt, wie jemand versucht sein ganzes Gewicht dagegen zu stemmen. Aber die Kommode hält. Wer auch immer es ist, er kommt nicht rein. Um ein Haar muss ich lachen, dass es so gut funktioniert. Ich warte noch einen Augenblick, doch es scheint sich nichts zu ändern. Vorsichtig öffne ich die Tür meines Kleiderschranks und trete heraus. Ich gehe in meinen Flur, das Messer in schweißnasser Hand und starre auf meine Wohnungstür. Die Person müht sich immer noch ab meine Tür zu öffnen, ich kann ihre Finger sehen. Langsam schleiche ich auf die Tür zu. Noch weiß ich nicht, was ich als nächstes tun werde, bin in der Hoffnung, der Eindringling wird die Flucht aufnehmen, sollte er realisieren, dass ich seine Anwesenheit bemerkt habe.

Jeder Muskel meines Körpers ist angespannt, meine Atmung hechelnd. Ich bleibe direkt vor der Tür stehen, die immer wieder gegen die Kommode geschlagen wird, ich höre ein angestrengtes Stöhnen, aber die Kommode bewegt sich keinen Millimeter.

„Hallo“, sage ich. Ganz normal- etwas Besseres fällt mir nicht ein. Ich klinge weder aufgeregt noch ängstlich, so als wäre es das normalste in der Welt. Mein unbekanntes Gegenüber hält inne.

„Du warst unten“, höre ich eine Stimme sagen. Es ist eine Frauenstimme. Nicht der Riese, wie ich erwartet hatte. Ist es die Frau mit dem Kind?

„Ihr habt geklopft.“

Die Finger greifen durch den Spalt in der Tür, sie sind zittrig.

„Bitte… hilf mir“, flüstert die Stimme.

Was soll ich jetzt tun? Ihre Stimme klingt verzweifelt- aber weiß ich sicher, dass sie dort draußen alleine steht? Genauso gut könnte sie dort zusammen mit dem Riesen stehen, der sich ruhig verhält. Doch ich denke zu zweit hätten sie es geschafft die Kommode zumindest ein Stück weit zu bewegen.

„Warte!“ Lautet meine Antwort. Dann verrücke ich die Kommode, nur ein kleines Stück weit, so dass ich die Tür so weit öffnen kann.  Ich spähe durch den Türspalt auf den Hausflur, aber es ist kein Licht an. Ich kann nur ihre Silhouette erkennen, sonst nur Dunkelheit.

„Mach das Licht an!“ flüstere ich ihr zu.

„Ich kann nicht“, antwortet sie mir. So verzweifelt wie sie klingt glaube ich daran, dass sie Angst hat. Andeutungsweise kann ich erkennen, wie sie immer wieder verzweifelt nach unten blickt. Ich öffne.

Sie tritt herein. Es ist die Frau mit dem Kind. Sie zittert am ganzen Leib, setzt zaghaft einen Fuß vor den anderen und schaut sich in meinem Flur um. Ihr Make- Up ist verschmiert, ihre Augen klein und rot- sie muss geweint haben.  Schnell schließe ich die Tür hinter ihr und schiebe die Kommode davor.

„Ich kann die Tür nicht mehr abschließen“, sage ich und versuche vorwurfsvoll zu klingen- ich glaube es gelingt mir nicht so ganz, mein Mitleid mit ihr ist zu groß. Sie senkt ihren Blick. Ich kann erkennen, dass eine Träne still ihre Wange hinunter läuft, bevor sie sie in Windeseile wegwischt. Ich möchte ihr meine Hand auf die Schulter legen, doch ich lasse es.

„Möchtest du etwas trinken?“ frage ich.

Sie nickt.

Als es allmählich zu dämmern beginnt sitzen wir uns immer noch schweigend in meiner Küche gegenüber. Mit beiden Händen umklammert sie die Tasse und nippt immer wieder an ihrem Tee. Mein Messer habe ich vor mich auf den Tisch gelegt. Irgendwie traue ich ihr noch nicht so ganz.

TAG 32

Posted in Die Fünfte Woche on 23 März, 2008 by Limbo

Weiterhin klopft es in unregelmäßigen Abständen- immer wieder S.O.S. Es sind Hilferufe aus dem Nichts und ich kann nichts anderes tun, als sie zu ignorieren.

Es ist tiefste Nacht und ich sitze an meinem Schreibtisch, bin hellwach. Habe so lange geschlafen, wie es mir möglich war, und nun muss ich mich damit abfinden, dass sich mein Körper erholt hat. Vor mir liegt das Bild des Clowns. Mit den Fingern fahre ich die Linien der Schlinge nach, die ihm irgendjemand um den Hals gemalt hat. Immer noch, bin ich mir nicht sicher ob es als Warnung an mich gedacht ist, oder ob es sich nur um einen Scherz handelt.  Er tut mir leid, dieser Clown. Was ihm widerfahren musste. Zuerst habe ich ihn verunstaltet, habe ihm sein Lachen genommen und sein Augenlicht, und nun hat ihn auch noch jemand zum Tode verdammt. Ob ich ihn erlösen soll? Er ist wie ein Freund für mich geworden. Auch wenn er nicht echt war, so hat mich seine Anwesenheit vergessen lassen, dass ich hier ganz alleine bin. Er war wie ein Haustier, ein Fisch vielleicht, das man beobachtet und sich doch nicht wirklich damit beschäftigt. Eigentlich ist er es immer noch- aber es ist Zeit Abschied zu nehmen.

Ich reiße ein paar unbeschriebene Seiten aus meinem schwarzen Buch heraus, knülle sie zusammen und lege sie in einen großen Topf um sie anzuzünden. Dann lege ich den Clown darauf. Sehr schnell verfärbt sich sein Körper braun, wird von den Flammen durchstoßen und er zerfällt zu Asche. Manchmal muss man loslassen, muss sich von Dingen trennen, die man lieb gewonnen hat, so sehr es auch schmerzt.  Ich bin den Tränen nahe und rede mir immer wieder ein, dass es nur ein Bild ist, das ich den Flammen opfere. Er ist nicht echt, spürt keinen Schmerz, weiß nichts von seiner Vergänglichkeit. Die Flammen züngeln sich durch seine Augen, gleich ist es so weit, dann ist er verschwunden, du nichts von dem was er war ist das noch. Der Kleber mit dem ich die Puzzelteile zusammen geklebt habe stinkt beim verbrennen, für mich wird dies der Geruch des Todes, der Geruch des Abschieds, aber auch des Neubeginns. Ich vernichte den letzten Freund, der mir geblieben ist, nun bin ich wirklich ganz alleine.

Die Flammen erlöschen und es bleibt nur noch Asche zurück. Ich öffne mein  Fenster und schütte sie heraus, der Wind trägt sie davon. Ich finde, wenn man schon einen Freund verliert, dann sollte es auch pathetisch sein. Der Tod ist schon immer ein mystisch gewesen, und auch wenn es nur Dinge sind, die ich getötet habe, Farben und Linien auf Puzzleteilen,  muss ich ihre  Vergänglichkeit zelebrieren.

Nachdem ich den Topf abgewaschen habe sitze ich lange am Fenster und blicke in die Nacht hinaus. Von unten klopft es wieder. Ihr seid gar nicht da, wollt mich nur locken, denke ich mir und stecke mir traurig eine Zigarette an. Allmählich steigt die Einsamkeit in mir auf. Immer wieder wandert mein Blick zu der leeren Stelle an der Wand, wo vorher noch der Clown hing. Jetzt ist er weg, ich wollte es so und vielleicht ist es besser. Es dauert wohl noch ein paar Stunden bis zur Dämmerung, ich sollte etwas Sinnvolles tun, doch mir fällt nichts ein.

Ich bin vollkommen in meinen Gedanken verloren, da höre ich, dass sich jemand an meiner Wohnungstür zu schaffen macht. Geschockt schrecke ich auf, und wende langsam meinen Kopf zur Tür. Bei dem Geräusch von Metall das auf Metall trifft, ist allzu vertraut und mir dreht sich der Magen dabei um. Jetzt ist es soweit. Kein falscher Alarm, kein Hirngespinst- jemand dringt hier gerade ein, und ich bin ganz alleine. Das Messer liegt neben mir auf dem Schreibtisch, ich greife danach und erhebe mich langsam. Sie denken vielleicht, sie können mich im Schlaf überraschen. Aber ich schlafe nicht, bin hellwach und suche nach einem Versteck. Die Überraschung wird auf meiner Seite sein. Ich verstecke mich in meinem Kleiderschrank, zwänge mich zwischen die Bügel, auf denen Hemden und Jacken hängen, und schließe die Tür hinter mir. Nur einen Spalt lasse ich geöffnet, damit ich sehen kann, wer meine Wohnung betritt. Ich habe das unbehagliche Gefühl, dass es mir nicht gefallen wird.