Archive for the Die Zweite Woche Category

TAG 14

Posted in Die Zweite Woche on 5 März, 2008 by Limbo

In der Nacht hat es geschneit und mittlerweile ist auch der Stuhl komplett verheizt. Es ist ein eisiger und diesiger Tag geworden, die Wolken hängen tief über den Dächern der Häuser. Der Wind drückt die Feuchtigkeit durch die Wände. Meine Hände sind fast blau vor Kälte. Ich sitze am Schreibtisch vor meinem Fenster, eine Kerze flackert in der Ecke, hin und wieder wärme ich meine Hände über ihrer Flamme. Es hilft zumindest ein bisschen. Wieso repariert denn niemand diese Heizung?

Um mich zu beschäftigen habe ich angefangen zu puzzeln. Ich weiß nicht, ob aus Frustration oder aus Langeweile- vermutlich von beidem etwas- weswegen puzzelt man sonst?

Ich wusste gar nicht, dass ich etwas wie ein Puzzle überhaupt besitze, ich bin gestern darauf gestoßen, als ich meine Regale durchwühlt habe. Es muss uralt sein, vielleicht habe ich es als Kind gemocht- ich kann mich nicht daran erinnern. Es zeigt einen Clown, der zwei Luftballons in seinen Händen hält, einer in Gelb und einer in Rot. Er trägt eine grüne Hose mit weißen Punkten und dazu diese Mickey Maus- Handschuhe. Als Kind war ich davon bestimmt begeistert, heute fallen mir seine starren Augen auf, die mich eher an einen Psychopathen erinnern. Wer zeichnet solche Bilder? Geisteskranke, Idioten? Und wer kommt auf die Idee, diese Motive auf Puzzle zu drucken? Und was hat sich meine Mutter, oder von wem auch immer ich es habe, dabei gedacht, es zu kaufen? Immerhin 500 Teile sind es. Da ich eine halbe Ewigkeit nicht mehr gepuzzelt habe werde ich wohl eine ganze Weile dafür brauchen, selbst bei den Rändern tue ich mich mehr als schwer. Aber es lenkt von dieser entsetzlichen Kälte ab. Ein paar Mal habe ich schon gedacht, meinen Atem sehen zu können.

Der wahnsinnige Clown grinst mich an. Als würde er sich über mich lustig machen. Mit seinen lustigen Ballons und der bunten Hose. Mag sein, dass hier ein Erwachsener sitzt und an einem Puzzle für Kinder zerbricht, aber das ist noch lange kein Grund  ihn zu verspotten. Verdammter Clown, mit verdammten Serienmörderaugen. Ich greife nach einem Edding und male einen schwarzen Balken über diese Augen. Wenn ich das Puzzle fertig habe, werde ich dort das gleiche machen, wie jetzt auf dem Cover. Du bist nur ein Clown auf einer Pappschachtel, merk dir das! Du hast keinen Grund zu lachen. Erneut greife ich nach dem Edding und verändere seinen Mund, male ihm das Grinsen aus dem Gesicht, ziehe ihm die Mundwinkel nach unten. Und ich spüre eine gewisse Befriedigung, dass er nicht mehr grinst. Auch wenn er mich nicht mehr sehen kann. Das hast du davon, verdammter Psychopath. Endlich kann ich beruhigt fortfahren.

Denke ich zumindest, für einen Augenblick. Dann höre ich Stimmen. Anfangs vermute ich noch, verrückt zu werden, dann wird mir klar, dass sie von draußen kommen. Ich lausche- eindeutig. Die Stimmen kommen von der Straße, klingen laut und aufgebracht. Ich höre eine Frau. Und einen Mann. Das müssen sie sein! Sie sind doch nicht weg.

Langsam erhebe ich mich von meinem Stuhl und gehe auf das Fenster zu. Dummerweise habe ich die Vorhänge komplett aufgezogen, so dass ich mich schlecht hinter ihnen verstecken kann.

Vorsichtig trete ich an das Fenster und spähe hinunter. Sie sind es. Ich sehe die junge Frau und den Riesen. Sie streiten sich. Es ähnelt dem, was ich neulich im Hausflur mitbekommen habe. Er gestikuliert wild, wirbelt seine Arme umher. Sie scheint eher besorgt und verängstigt zu sein. Das wundert mich nicht sehr. Sie ist zierlich, klein- ich an ihrer Stelle würde mich zu Tode fürchten.

Erst jetzt erkenne ich, dass dort auch noch ein weiterer Mann steht. Ich meine mich zu erinnern, auch ihn schon einmal gesehen zu haben. Es muss einer der Männer gewesen sein, die die ganzen Bretter in die Wohnung getragen haben. Er steht recht still neben den Streitenden und hält das Baby auf seinen Armen. Neben ihm parkt ein Auto mit geöffneter Beifahrertür. Vom Fahrer kann ich nur die Hände am Lenkrad erkennen. Worüber streiten sie nur? Gerne würde ich mein Fenster öffnen, dass wäre die Gelegenheit, aber ich habe Angst, sie könnten es hören, oder meine Silhouette am Fenster aus dem Augenwinkel sehen. Ich bin in völliger Spannung, was wohl als nächstes passiert. Ich bin mir nicht sicher, ob die Frau zu weinen beginnt, auf jeden Fall wendet sie sich ab und vergräbt ihr Gesicht in den Händen. Diese Gelegenheit nutzt der Riese um dem Mann mit dem Baby eine Anweisung zu geben, woraufhin dieser in den Wagen steigt und die Tür hinter sich schließt. Noch einmal fährt die Frau herum, schreit, der Riese nimmt sie in den Arm, zuerst wehrt sie sich, dann wird sie ganz ruhig. Er flüstert ihr etwas ins Ohr, sie antwortet und er schubst sie von sich weg. Sie wird hysterisch, kreischt, die hohen Töne tun mir sogar durch das geschlossene Fenster in den Ohren weh. Der Riese nickt dem Fahrer des Wagens zu, woraufhin sich das Auto in Bewegung setzt und aus meinem Blickfeld verschwindet. Die Frau bricht auf dem Asphalt zusammen. Jetzt bin ich mir sicher, dass sie weint. Der Riese legt ihr seine Hand auf die Schulter.

Bin ich gerade Zeuge einer Entführung geworden? Es sah ganz so aus, die Klischees stimmen, so kennt man es aus jedem Film. Soll ich die Polizei verständigen? Aber was, wenn ich mich täusche? Würden sie überhaupt kommen? Kaum einer geht noch raus. Sie sind die ersten Menschen, die ich seit langer Zeit auf den Straßen sehe, der Wagen war der erste, seit Ewigkeiten, der nicht nur geparkt hat, sondern wirklich gefahren ist. Und auch, wenn niemand draußen ist, würden sie vorher so laut streiten, sollte es sich tatsächlich um eine Entführung halten? Und würden die Entführer sich so offen der Mutter zeigen? Ist sie überhaupt die Mutter? Sie scheint mir fast zu jung, aber was heißt das heute schon? Ich weiß gar nichts. Nicht das Geringste. Ich sollte aufhören mir solche Horrorszenarien auszumalen, ich habe eindeutig zu viele schlechte Filme, zu viele miese Bücher gelesen, eine zu lebhafte Fantasie.

Der Riese streichelt immer noch die Schulter der Frau und sie scheint sich allmählich zu beruhigen. Es wird wohl alles in Ordnung sein. Aus ihrer kauernden Position blickt sie nach oben. Ich gehe einen Schritt zurück, bin mir nicht sicher, ob es reicht. Sie schaut mich an. Aus dieser Entfernung kann ich ihren Gesichtsausdruck nicht genau bestimmen. Dann plötzlich folgt der Riese ihrem Blick. Er schaut direkt in mein Fenster. Ich ducke mich, kauere eine ganze Weile unter meinem Fenster. Hat er mich gesehen? Er hat mich sicherlich gesehen. Draußen ist es zwar relativ hell, aber ich stand nicht weit genug vom Fenster entfernt. Er muss mich gesehen haben. Wieder einmal beginnt mein Herz bei dem bloßen Gedanken daran zu rasen.

Auf allen vieren krieche ich auf meinen Schreibtisch zu. Erst dort wage ich es aufzustehen und mich auf den Stuhl zu setzen.

Es wird Zeit die Lage zu überblicken. Ich bin mir sicher, dass die Frau mich gesehen hat, aber das ist in Ordnung, ich glaube nicht, dass sie dem Riesen etwas sagen wird. Aber wenn sie mich sehen konnte, dann konnte er es auch. Ich war zwar ziemlich schnell, aber nicht schnell genug, als dass es nicht hätte bemerken müssen, dass sich an meinem Fenster etwas bewegt. Wenn er es gesehen hat, hat er mich erkannt? Immerhin könnte er auch davon ausgehen, dass ich eine Katze habe, die auf der Fensterbank umher geschlichen ist. Wird er sich überhaupt Gedanken darüber machen? Stören könnte es ihn nur, wenn er tatsächlich etwas zu verbergen hat. Und wenn, wie wird er darauf reagieren? Der Gedanke daran, treibt mir eisiger Schauer über den Rücken. Ich versuche mich zu beruhigen, in dem ich mir einrede, mir Gedanken über völlig belanglose Dinge zu machen, versuche mich mit dem Puzzle abzulenken, aber meine Konzentration ist dahin. Eine Ewigkeit starre ich auf die Teile, die auf dem Schreibtisch verbreitet liegen, dann lege ich mich in mein Bett. Es wird schon wieder dunkel. Die Tage vergehen so entsetzlich schnell. Kaum haben sie angefangen kommt auch schon wieder die Nacht in mein Zimmer gekrochen. Selbst unter meiner Bettdecke zittere ich noch, so kalt wird es in der Wohnung. Es ist März- hoffentlich wird es bald wieder etwas wärmer. Hin und wieder stehe ich auf und blicke aus dem Fenster. Die beiden sind verschwunden. Aber auch von unten höre ich nichts. Jetzt bin ich mir ziemlich sicher, dass sie da sind. Aber wie können zwei Menschen, die so laut in aller Öffentlichkeit streiten in ihren eigenen vier Wänden so still sein?

Immer wieder muss ich an die Situation des Nachmittags denken. Ich warte förmlich darauf, dass jemand an meine Tür klopft. Ich stelle mir vor, wie ich sie öffne und der Riese vor mir steht. Er hält ein Messer oder irgendetwas anderes in der Hand, vielleicht einen Hammer. Ich wünschte, ich würde in einem Bunker lebe, meine Wohnungstür kommt mir so entsetzlich dünn vor. Für ihn wäre es bestimmt eine Leichtigkeit sie einzutreten. Hier drinnen bin ich nicht sicher.

Ich gehe in die Küche und hole mein großes Messer. Ich will es nur zur Sicherheit auf meinem Nachtisch liegen haben. Für den Fall, dass er hier herein kommt, will ich vorbereitet sein. Noch nie zuvor hatte ich vor einem Menschen so viel Angst wie vor ihm. In der Dunkelheit tanzen wieder einmal seine Augen an der Decke und starren mich an. An Schlaf ist überhaupt nicht zu denken. Bei jedem noch so winzigen Geräusch in meiner Wohnung zucke ich zusammen, denke mir: Jetzt ist es soweit. Er kommt.

Es muss bereits drei oder vier Uhr sein, als ich mich entschließe aufzustehen und noch einen Kaffee zu trinken. Während die Maschine blubbert und zischt stehe ich in der Tür, das Messer fest umklammert. Ich lausche auf den Flur hinaus, aber es ist nichts zu hören.

Ich trinke meinen Kaffee, er wärmt zumindest ein wenig. Als ich zurück in mein Zimmer gehen will, stoße ich mir meinen Zeh an meiner Kommode. Ich habe darauf verzichtet Licht anzumachen. Fluchend reibe ich meinen Zeh und zum ersten Mal heute fällt mir auch der Schmerz in meinen Rippen wieder ein. Aus dem leichten Blau ist ein dunkles Lila geworden, aber immerhin tut es beim Atmen schon nicht mehr weh. Mein strafender Blick streift die Kommode, aber noch im selben Augenblick wandelt sich meine Stimmung.

Ich stemme mich gegen die Kommode, sie ist schwer, in ihr bewahre ich sämtliches Gerümpel aus, das ich besitze, zu dem noch Werkzeuge. Von einem lauten Quietschen begleitet, schiebe ich sie über die Dielen, bis sie sicher vor meiner Wohnungstür steht. Jetzt dürfte es sogar dem Riesen nicht mehr leicht fallen hier herein zu kommen.

In meiner Zufriedenheit darüber kann ich mir sogar ein kleines Lächeln abringen. Ich lege mich wieder in mein Bett, das Messer nehme ich dennoch mit. Allmählich fallen mir die Augen zu. Hoffentlich gelingt es mir schnell einzuschlafen. Aber ich werde im Halbschlaf bleiben, immer fähig zu Reagieren, immer mit einem Angriff rechnend.

TAG 13

Posted in Die Zweite Woche on 4 März, 2008 by Limbo

Habe wenig geschlafen. Jedes einzelne Glied meines Körpers schmerzt, ich habe Kopfschmerzen und meine Augen brennen. Die aufgescheuerte Stelle an meinen Rippen ist geschwollen und etwas blau geworden. Wenn ich mich bückte und zur Seite drehe ziehen sich die Schmerzen durch meinen ganzen Körper.

Ich fühle mich nicht in der Lage diesem Tag heute etwas abzugewinnen. In der Nachte habe ich noch sehr lange wach gelegen, mit der Angst gekämpft, habe versucht mir einzureden, das alles in Ordnung sei, aber das Gefühl, dass vor meiner Tür irgendjemand auf mich lauert hat nicht nachgelassen. Die Übermüdung hat dafür gesorgt, dass ich gleichgültiger wurde, aber verschwunden ist es nicht. Erst als es am Morgen zu dämmern gegangen wurde es etwas besser. Ich habe zwei, vielleicht drei Stunden geschlafen, mal wieder ohne mich zu erholen.

Ich liege in meinem Bett. Ein eisiger Schauer nach dem anderem fährt über meine Haut, ich zittere, so kalt ist es in meiner Wohnung. Als ich aufstehe um meinen Ofen anzuzünden, muss ich feststellen, dass mein Feuerholz so gut wie aufgebraucht ist. Lediglich ein einzelner verkümmerter Scheit ist noch übrig. Ich zerknülle etwas Papier und entzünde es, lege den Scheit darauf und erfreue mich an der Wärme, die kurzzeitig aus dem Ofen entweicht.

Ich müsste losgehen um neues Holz zu kaufen, traue mich aber nicht vor die Tür. Mit den Ereignissen der letzten Zeit, besonders natürlich der gestrigen Nacht, erscheint mir die Stille von unten noch bedrohlicher. Ich habe mit einer Ruhe vor dem Sturm gerechnet, aber was, wenn dieser Sturm nicht erneute Arbeiten bedeutet, sondern einen Übergriff auf mich. Natürlich weiß ich nicht, warum sie es auf mich abgesehen haben sollten und aus welchem Grund ich ein Opfer für sie darstellen sollte; ja, kann noch nicht einmal sagen, warum mich eine Angst vor ihnen beschleicht, dass sie überhaupt zu etwas fähig sein sollten. Doch es  ist die Art und Weise, wie sie mich angesehen haben, die dunkle Aura die diese Leute umwelkt. Vielleicht bin ich ihnen ein Mal zu oft begegnet. Vielleicht haben sie tatsächlich etwas zu verbergen und haben mitbekommen, dass ich sie belauscht und beobachtet habe. Wer war gestern Nacht im Hausflur? Vielleicht sind sie mir auf die Schliche gekommen und sinnen nun auf Rache. Ich möchte es nicht unbedingt herausfinden und am eigenen Leib erfahren. Wer auch immer behauptet hat, man müsse der Gefahr ins Auge blicken können, er hat nie das tiefe Schwarz der Augen des Riesen gesehen. Ich will mein Schicksal nicht herausfordern.

Aber womit soll ich meine Wohnung nun beheizen? Es ist zwar ein wenig wärmer geworden, aber immer noch zu kalt um gänzlich auf den Ofen zu verzichten. Noch dazu ist ein Sturm aufgekommen. Er zischt und pfeift um die Ecken, kalte Luft dringt durch jeden noch so winzigen Spalt in die Wohnung ein.

Ich durchwühle meine Schränke und Schubladen, mein Regale, jeden noch so kleinen Winkel, nach irgendetwas, das ich den Flammen opfern könnte, finde aber nicht, dessen zu entbehren ich bereit wäre. Ein paar meiner alten Geschichten vielleicht? Sie sind schlecht- laienhaft, geschrieben von einem Stümper. Dennoch will ich mich nicht trennen. Ein paar Bücher in meinem Regal habe ich nie gelesen und werde es wohl auch nie tun- aber auch sie möchte ich nicht missen. Es hilft alles nichts. Ich muss zu meiner ursprünglichen Idee zurückkehren.

Ich gehe in die Küche und überprüfe jeden der drei Stühle die ich besitze au seine Verfassung. Leider wackelt keiner von ihnen. Trotz ihres Alters sind sie gut in Schuss. Doch so selten wie ich Besuch bekomme, werde ich es verkraften können, auf einen von ihnen zu verzichten. Ich greife mir irgendeinen und nehme ihn mit auf den Flur. So leid es mir tut, beginne ich ihn zu zerlegen. Ich umgreife die Beine und versuche sie abzubrechen. Ich wackele an ihnen, dass sie sich lockern. Unter der Anstrengung schmerzen meine Rippen so sehr, dass mir schlecht wird. Es dauert eine Weile, bis es laut knackt und das Holz splitternd bricht. Ich fühle mich wie ein Jäger, der seine Beute zerteilt. Nur, dass ich, ein Jäger eines primitiven Volkes bin, und mein Opfer ein wehrloses Wesen, dass ich töten muss um zu überleben. Es ist doch nur ein Stuhl, rede ich mir ein. Ich muss einen fürchterlichen Krach veranstalten. Da Holz knackt und etliche Male muss ich den Stuhl auf den Boden schlagen, so dass es durch das ganze Haus donnert, in meinem Kampf gegen den Leim.

Ich schmeiße das erste Bein ins Feuer. Der Lack stinkt beim Verbrennen. Aber immerhin wärmt es. Beim einatmen habe ich starke Schmerzen in meinen Rippen, es wird Zeit, dass ich mich wieder ins Bett lege.

Ich warte darauf, dass meine Müdigkeit mich übermannt, dass der Schlaf einfach kommt, unverhofft. Doch je mehr ich mich darauf konzentriere einzuschlafen, desto schwieriger wird es für mich.

Immer noch kein Ton von unten. Wenn sie da sind, dann lauern sie, dessen bin ich mir sicher. Vermutlich haben sie mich heute belauscht, haben sich gefragt, was ich hier oben tue, das Blatt hat sich gewendet. Die Rollen sind vertauscht.

TAG 12

Posted in Die Zweite Woche on 3 März, 2008 by Limbo

Die Stirn gegen die Fliesen gedrückt stehe ich unter der Dusche. Das warme Wasser prasselt auf meinen Nacken, entspannt die Muskulatur.

Habe heute wieder lange geschlafen, dann am Fenster gesessen. Hin und wieder bin ich aus meinen Gedanken geschreckt, weil ich ein Knacken gehört habe. Sofort war ich hellwach, lauerte wie ein Tier, das die Witterung aufnimmt. Ich habe gehorcht, nur um feststellen zu müssen, dass es aus dem Ofen kam, oder vom Kühlschrank der ansprang. Als es draußen schon wieder dunkel wurde, entschloss ich mich eine Dusche zu nehmen. In der Hoffnung vielleicht, sie könnte einige meiner tristen Gedanken fortspülen.

Eine halbe Ewigkeit bleibe ich regungslos unter der Dusche stehen. Es tut gut die Wärme zu spüren, das Wasser, das meinen Körper umspült fühlt sich an wie dutzende kleiner Umarmungen. Es hilft ein wenig, aber nicht viel. Ich steige aus der Dusche, trockne mich ab, hänge das Handtuch über die Heizung und bleibe einen Moment lang gelähmt vor dem Spiegel stehen. Immer noch habe ich das Gefühl nicht mich selbst zu sehen.

Draußen ist mittlerweile tiefste Nacht, ich muss Kerzen anzünden. Hin und wieder durchblitzt mich der Gedanke, dass es doch so nicht weitergehen kann wie es im Moment ist, ebenso schnell verschwindet er jedoch wieder, in dem Wissen, dass es auch nicht besser sein könnte.

Von meinem Fenster aus, sehen die Straßen in den letzten Tagen immer leerer und leerer aus. Wie die vertrockneten Adern einer Leiche, durch die kein Blut mehr fließt, ziehen sie sich durch die Stadt, kreuzen sich und verlaufen sich in der Finsternis.

Wieso ist es da unten nur so still geworden? Wieso schreit nicht einmal mehr das Kind? Kinder schreien doch. Menschen machen Lärm. Jeder Schritt den sie dort unten tun müsste zu mir hoch dringen. Erneut packt mich die Neugier. Lässt sich meine Atmung beschleunigen, lässt mein Herz schneller schlagen. Ich will wissen, was dort vor sich geht- ich muss es wissen. Es ist wie ein Zwang. Die plötzliche Stille wirkt wie ein kalter Entzug auf mich.

Mit zittrigen Händen schleiche ich durch meinen Flur, er ist nicht sehr groß, doch er erscheint mir wie ein Korridor. Meine Finger sind schweißnass, als ich den Schlüssel im Schloss umdrehe und ganz leise die Wohnungstür öffne. Alles ist still, es ist stockduster und es dauert eine Weile, bis sich meine Augen an die Dunkelheit im Hausflur gewöhnt haben. Nicht das leiseste Geräusch ist zu hören. Es ist mitten in der Nacht, die Welt schläft. Ganz langsam und möglichst geräuschlos trete ich aus meiner Wohnung. Ich klemme die Fußmatte zwischen die Tür, damit sie nicht hinter mir zufällt. Auf Zehenspitzen nehme ich Stufe für Stufe. Ich bin so aufgeregt, dass mir das Atmen schwer fällt. Auf dem Treppenabsatz muss ich eine Pause machen um mich zu beruhigen. In meinem Innern wird eine Herde Gazellen von einem hungrigen Tiger gehetzt. Unten kann ich schon die Umrisse der Tür erkennen. Mein Herz schlägt so laut, dass ich befürchte, es könnte die Nachbarn aufwecken. Ich fahre mir mit der Hand durch das Gesicht und halte die Luft an. Ich muss es tun. Ganz sachte setze ich einen Fuß vor den anderen, immer noch auf Zehenspitzen. Stufe, für Stufe für Stufe. Die Konturen der Wohnungstür werden deutlicher, den Türknauf kann ich bereits erkennen. Noch eine Stufe und noch eine. Ich sehe die Klingel, darüber den Knopf für die Hausflurbeleuchtung.

Auf der letzten Stufe bleibe ich stehen, drehe mich schon wieder halb zum Gehen, doch es zieht mich magisch an. Dieses Verlangen gräbt sich so intensiv durch mich, dass es selbst meine Angst lähmt. Ich trete die Stufe hinab und stehe vor der Tür meiner Nachbarn. Meine Fingerspitzen berühren sie ganz sanft und streichen darüber. Das Holz ist glatt und eben, ich bilde mir ein eine Energie zu spüren die davon ausgeht und meine Hände zum Glühen bringt. Erschrocken ziehe ich sie weg und betrachte meine Hand. Sie fühlt sich tatsächlich etwas warm an. Ich horche, ob ich aus dem Inneren der Wohnung irgendetwas hören kann, ein Atmen, ein Schnarchen vielleicht- aber es ist so entsetzlich ruhig. Behutsam lege ich mein Ohr an die Tür- aber höre nichts. Ich halte mir mein anderes Ohr zu, aber auch das bringt nichts- lediglich dieses innere Grollen kann ich wahrnehmen. Ein stetiges Beben, das immer da ist, wenn man sich konzentriert. Sind sie am Ende tatsächlich gar nicht da? Ich habe sie nicht gesehen, aber ich habe mich ja auch nicht die ganze Zeit am Fenster gestanden. Vielleicht sind sie verschwunden während ich gelesen habe- und ich habe es nicht mitbekommen. Ich spüre wie die Aufregung nachlässt, der Puls und die Atmung sich normalisieren, die Anspannung nachlässt. Ein wenig enttäuscht stehe ich im Flur und blicke auf die Klingel. Nicht einmal ein Schild haben sie angebracht, wenigstens ihren Namen würde ich gerne in Erfahrung bringen.

Gerade als ich meinen Fuß auf die erste Stufe setze um wieder in meine Wohnung zu gehen, höre ich ein lautes Klacken, dann geht das Licht im Hausflur an. Ich habe das Gefühl mein Herz bleibt stehen. Ich sterbe- für einen Augenblick nur. Dann schießt heißes Adrenalin durch meine Adern. Ich fahre herum. Die Wohnungstür ist zu. Da ist niemand hinter mir- zum Glück. Das Klacken muss von der Haustür gekommen sein, die ins Schloss gefallen ist. Ich höre Schritte auf der Treppe die lauter werden. Irgendjemand ist im Haus und er kommt näher. Vor Schreck ist mir ganz schwindelig. Ich atme ein paar Mal tief durch um wieder zur Besinnung zu kommen, dann stürme ich die Treppen herauf. Ich nehme drei Stufen auf einmal, ich keuche. Auf dem Treppenabsatz rutsche ich aus und falle der Länge nach hin. Dabei schlage ich mit dem Oberkörper auf einer der Stufen auf. Einen Moment spüre ich einen starken Schmerz an meinen Rippen, der verschwindet, als ich die Schritte höre, die sich mir immer mehr nähern. Ich muss hier weg. Meine Hand umgreift das Treppengeländer und ich ziehe mich daran hoch, renne die Stufen hinauf bis zur meiner Wohnung, stürze durch die Tür, in meinen Flur, völlig entkräftet, will sie zuschlagen, doch sie wird von irgendetwas zurück gefedert und schlägt gegen meine Schulter. Die Fußmatte- es ist die Fußmatte. Ich trete sie auf den Flur hinaus, aber so liegt sie schief, man wird sehen, dass ich den Lärm veranstaltet habe. Ich horche nach den Schritten. Sie sind nah, aber noch nicht zu nah. Ich greife durch den Türspalt hindurch auf den Flur, blicke panisch zur Treppe, ich kann Schlüssel klimpern hören, sehe einen Schatten, schnell richte ich die Fußmatte, so dass es aussieht, als wäre nichts geschehen. Da kommt jemand zu mir hinauf, ich kann eine Hand auf dem Geländer sehen, noch ist er um die Ecke und ich außer Sichtweite. Ich krabbele rückwärts in meine Wohnung zurück und schließe die Tür. Gerade noch rechtzeitig denke ich daran, die Klinke herunter zu drücken um sie leise zu schließen, dann ist alles still. Ich wage kaum zu atmen, kauere in der Ecke. Ich höre die Schritte von draußen, wie sie zu mir hinauf kommen. Sie sind da. Ich halte mir die Hand vor den Mund und schließe meine Augen. Wer auch immer da draußen ist, er bleibt vor meiner Tür stehen. Ich rechne damit, dass etwas Schlimmes passiert. Aber die Person vor meiner Tür geht weiter. Entweder ein Stockwerk höher, oder macht auf dem Absatz kehrt und geht hinunter. Ich bin nicht in der Verfassung dies deutlich zu beurteilen.

Der Schweiß steht mir auf der Stirn, ich glaube ich kollabiere.

Ganz langsam richte ich mich auf und schleiche in die Küche. Dort lasse ich mich auf einen Stuhl fallen und zünde mir eine Zigarette an. Erst jetzt schießt der Schmerz wieder durch mich. Ich ziehe mein T-Shirt ein Stück hoch. Meine rechte Seite ist vollständig rot, die Rippen schmerzen. An einigen Stellen ist etwas Haut abgeschürft, es blutet ein wenig. Vorsichtig taste ich mit den Fingern daran entlang, es tut höllisch weh, auch beim Atmen, aber ich glaube es ist nicht gebrochen. Ich durchwühle mein Eisfach, aber außer einer Packung gefrorener Erbsen habe ich nichts zum Kühlen da. Ich umwickele die Verpackung mit einem Geschirrtuch und drücke es auf die Wunde. Halb gebückt schleppe ich mich in mein Bett und versuche zu schlafen, aber es will nicht gelingen. Der Schreck steckt mir noch zu sehr in den Knochen, es wird eine Weile dauern, bis ich wieder davon herunter komme. Langsam erhebe ich mich aus dem Bett und ziehe den Vorhang einen Spalt weit auf, so dass ein wenig Mondlicht in den Raum fällt. Ich kann mir nicht helfen. Wenn ich horche höre ich nichts, aber seltsamerweise habe ich das Gefühl, das vor meiner Wohnungstür noch immer jemand steht, der mich belauscht. Der darauf wartet herein zu kommen. Ich habe Angst.

TAG 11

Posted in Die Zweite Woche on 2 März, 2008 by Limbo

Ich bin früh eingeschlafen. Als ich am Morgen in den Spiegel blicke, stelle ich fest, dass ich geweint haben muss- ich habe es nicht mal bemerkt. Es hat mich nicht gereinigt, hat keine Erleichterung geschaffen. Still und einsam müssen die Tränen meine Wangen herunter gelaufen sein, sind darauf gestorben und getrocknet. Ich hoffe, dass ich es schaffe, das Gefühl zu vertreiben, das in mir herauf schleicht, wie das Gift einer Kobra durch meine Adern fließt. Ich habe Lust mich zu betrinken, jedoch keinen einzigen Tropfen Alkohol im Haus. Ich möchte nicht hinausgehen, fürchte mich dem Riesen erneut im Hausflur zu begegnen.

Eigentlich sollte ich mich freuen, endlich habe ich die Ruhe, die ich mir erhofft habe. Doch warum schaffe ich es nicht?

Sehnsüchtig warte ich immer noch darauf, etwas aus der Wohnung der neuen Nachbarn zu hören. Einen Hammerschlag, die Bohrmaschine, eine Unterhaltung, das Geschrei des Kindes, irgendwas. Aber es ist still. So als wären sie verschwunden.

Ich stelle fest, dass ich beginne Selbstgespräche zu führen. Mir selber zu erzählen, was ich als nächstes tue, laut nachzudenken, mir selber darüber zu referieren, was in dem Buch steht, das ich gerade lese, mir selber Witze erzähle, über die ich dann schmunzeln muss. Ich hoffe nur, dass mich niemand belauscht. Meine Gedanken, die ich früher aufzuschreiben pflegte, spreche ich laut vor mich hin. Würde dies jemand hören, würde ich mich mit Sicherheit schämen. Wenn ich sie aufschreibe, kann ich sie verstecken, wenn ich möchte,  in einer Schublade, in einem Karton und brauche mich nicht für sie zu schämen, aber sie sind fort. Aus mir heraus geeitert und fortgespült.

Ich betrachte das Bild, das ich neulich gemalt habe, und wünschte ich hätte eine Begabung. Gerne würde ich mich visuell ausdrücken können. In den Bildern liegt eine stärkere Kraft. Worte verblassen. Sie sind immer gleich und so nutzlos. Was bringen mir die Worte, wenn es niemanden gibt, an den ich sie richten kann? Wenn niemand mir eine Antwort gibt, wenn da nichts ist außer der Stille. Die Stille im Schreiben, die Leere in mir. Wie beschreibt man die Leere? Welches andere Wort gibt es für das Nichts?

Ich möchte mich verletzen und auf ein Blatt Papier bluten, es trocknen lassen, dass es erscheint wie das tiefste Schwarz, das jemals gesehen wurde. Möchte den Schmerz ertragen durch die Hoffnung, dass er aufhört. Das die Wunden heilen, dass die Zeit mir zeigt, das alles vergänglich ist: der Schmerz, das Leid, die Hoffnung. Es gibt keine Hoffnung, für niemanden, nur Wünsche. Am Ende bleibt die Gewissheit einer Illusion. Ein Luftschloss, das ich mir geschaffen habe und dessen marode Fassade zu bröckeln beginnt. Alles bricht auseinander mit der Zeit. Nichts ist es wert dafür zu kämpfen. Ich möchte bluten. Bluten und schreien. Das Schloss abbrennen und seinen Herrscher, mich selbst, samt seines Gefolges in die Hölle schicken, bis es nicht mehr schlimmer kommen kann. Und an diesem Punkt angelangt möchte ich lächeln, wissend, dass nichts mehr geschehen kann, das mir dieses Lächeln noch nehmen kann.

Aber ich fürchte den Schmerz. Woher soll ich wissen, dass er vorüber geht? Es bleibt nichts weiter als eine neue Hoffnung. Ein weiteres Luftschloss, das ich sammle wie andere Leute Briefmarken.

Mit der Ruhe bin ich vertraut, aber ich ertrage die Stille nicht mehr. Diese entsetzliche Stille. Dieses Gefühl, der letzte Mensch auf dem Planeten zu sein. Ich bete für ein Geräusch von unten und sei es nur ein einziger Schrei. Das Weinen von Kindern, das tiefste Gefühl der Welt, nichts berührt einen mehr- ich sehne es herbei. Aber es ist still unter mir.

Todtraurig krieche ich in mein Bett. Ich weiß, dass ich nicht schlafen kann, will es jedoch trotzdem versuchen. Die Gedanken verjagen, von denen ich weiß, dass sie schlecht sind. Will friedlich träumen, der Realität entschlafen, am nächsten Morgen erwachen und das alles vergessen haben. Es ist so still. Erneut steigen mir Tränen in die Augen, fast schmerzhaft. Wenigstens bemerke ich sie heute. Mögen sie ihre Wirkung tun.

TAG 10

Posted in Die Zweite Woche on 1 März, 2008 by Limbo

Es hat aufgehört. Seit langer Zeit mal wieder habe ich fest und lange geschlafen. Ich schlage die Augen auf und Blicke zu meinen Radiowecker. Es ist bereits Mittag, ich fühle mich ausgeruht. Draußen höre ich ein paar Vögel zwitschern, sonst nichts. Ich lausche wie gebannt, ich warte. Aber kein einziger Ton dröhnt durch die Wände. Wären da nicht die Vögel, ich würde vermuten taub geworden zu sein.

Die Kaffeemaschine blubbert so laut wie seit langem nicht mehr. In Erwartung, die Geräuschkulisse würde gleich wieder über mich brechen, so als wäre dies nur die Ruhe vor dem Sturm, nippe ich an meinem Kaffee. Jeder Muskel meines Körpers ist angespannt. Ich richte meinen Blick ins Nichts, schränke meine Fähigkeit zu Sehen ein, um meinen Gehörsinn zu schärfen. Nichts tut sich dort.

Eine Stunde vergeht, dann eine weitere und noch eine- ohne auch nur ein einziges Geräusch.

Das Knacken des Holzes im Ofen ist laut wie kleine Explosionen. Wenn ich die Seiten des Buches, in dem ich lese, umschlage, klingt es wie der Flügelschlag eines Albatrosses. Mein Atem pfeift und zischt. Bin ich tot? Bin ich vielleicht gestorben?

Ich lege das Buch beiseite und drücke mein Ohr auf die Dielen, wie ich es so oft getan habe. Nichts. Aus der Küche hole ich ein Glas und versuche es mit meinem alt bewährten Trick. Nichts. Vorsichtig öffne ich meine Wohnungstür und strecke meine Kopf durch den Spalt. Ich halte die Luft an, so laut erscheint mir meine Atmung. Gar nichts. Es ist tatsächlich vorbei.

Ich habe mich so sehr an das Hämmern gewöhnt, auch wenn es mich in den Wahnsinn getrieben hat. Jetzt wo es aufgehört hat, verspüre ich eine gewisse Schwere. Etwas fehlt. Etwas, mit dem man sich angefreundet hat. Etwas, das zu einem steten Begleiter geworden ist. Ich sehne mich, nach nur einem einzigen Hammerschlag. Es ist mir nicht möglich zu begreifen, dass es tatsächlich ein Ende gefunden haben sollte. Ich bin darauf gefasst, dass es gleich wieder beginnt. Aber es passiert nicht, bleibt  still.

Und ehe ich mich versehe dämmert es schon wieder. Ein wenig einsam fühle ich mich ohne den Lärm.

TAG 9

Posted in Die Zweite Woche on 29 Februar, 2008 by Limbo

Sie hören einfach nicht auf. Was bauen sie da unten nur? Nach dem Aufwachen habe ich mich, hinter meinen Vorhängen versteckt, an meinem Fenster aufgehalten und gesehen wie sie weitere Bretter ins Haus getragen haben. Den Riesen habe ich nicht gesehen, es waren vier, mir völlig fremde Männer, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass sie die Bretter in die Wohnung unter mir geschafft haben. Ich versuche mich nicht weiter darum zu kümmern, beschließe ein wenig zu lesen. Meine Stimmung wechselt zwischen völliger Gefühlslosigkeit und einer Betrübtheit, die mich umklammert und in all meinen Handlungen einschränkt. Nicht fähig mich zu konzentrieren, lege ich das Buch beiseite und beginne meine Wohnung aufzuräumen und zu putzen. Neben meinem Ofen hat sich eine Menge Schmutz angesammelt, den ich durch alleiniges Fegen nicht beseitigen kann. Nachdem ich die Dielen im Flur mit einem feuchten Schwamm geschrubbt habe, mache ich mich daran mein Badezimmer zu putzen. Die Fugen neben meiner Dusche sind mit der Zeit ein wenig dunkel geworden. Es treibt mir den Schweiß auf die Stirn, sie zu säubern. An einer Stelle bröckelt durch das starke Schrubben ein wenig Putz ab, den ich versuche wieder in die entstandene Ritze zu drücken, der bei dem Versuch jedoch gänzlich in seine Bestandteile zerfällt. In gewisser Weise fühle ich mich wie eine Hausfrau, die sich darüber erfreut, dass sich ihr Gesicht im Herd spiegelt, als ich voller Stolz mein Werk betrachte.

Am Küchentisch rauche ich eine Zigarette, solange ich darauf warte, dass das Wasser für meine Tütensuppe zu kochen beginnt.

Wenn unter mir nur eine Person hämmert, so ist mir heute aufgefallen, stört es mich gar nicht mehr so. Anstrengend wird es erst dann, wenn drei oder mehr Hämmer, gleichzeitig Nägel in die Bretter treiben. Nun Hämmern sie jedoch nicht nur gleichzeitig, untermalt wird das ganze auch wieder vom Klang der Bohrmaschine. Was bauen sie dort? Seit einer Woche sind sie dort nun beschäftigt, beinahe ohne unterlass. Was dauert so lange? Ich habe sie keine Möbel bringen sehen- sollten sie diese vermutlich alle selber anfertigen? Doch die Bretter waren nicht sonderlich ansehnlich. An einigen blätterte die Farbe ab, andere wirkten modrig- eher wie Speermüll. Aber was bauen sie dann? Wozu brauchen sie all dieses Holz? Sollte das Hämmern und die Bretter am Ende gar nichts miteinander zu tun haben? Vielleicht sind sie auf die gleiche Idee gekommen wie ich und beheizen ihre Wohnung damit. Ich mag mich von der groben Erscheinung des Riesen täuschen lassen, von den finsteren Blicken. Mag sein, dass es sehr nette Menschen sind, nur etwas verschlossen vielleicht. Womöglich bin ich es, der auf sie abschreckend gewirkt hat. Aber was bauen sie dort?

Das Wasser im Topf kocht über, ich schrecke aus meinen Gedanken hervor.

Nach dem Essen versuche ich mich daran in meinem Buch weiter zu lesen, aber auch diesmal gelingt es mir nicht, mich zu konzentrieren. Die Bohrgeräusche haben aufgehört, auch das Hämmern hat auf ein normales Niveau nachgelassen, jedoch höre ich das Kind schreien wie am Spieß. Wieso schafft es seine Mutter nicht, es zu beruhigen?

Es sind zu viele Fragen, die sich mir stellen. Meine Versuche die Geschehnisse dort unten zu belauschen habe ich aufgegeben, obwohl ich auch heute schon das Glas in meiner Hand halte. Es ist sinnlos. Ich werde wohl keine Antwort finden. Das Weinen des Kindes dauert Stunden an, doch als wäre es ein Klang, der mir schon lange vertraut ist, gelingt es mir viel schneller es zu überhören, als das Hämmern.

TAG 8

Posted in Die Zweite Woche on 28 Februar, 2008 by Limbo

Immer wieder schrecke ich schweißnass aus meinen Träumen hervor, ohne mich an sie erinnern zu können. Es dauert eine ganze Weile, bis ich danach wieder ruhig werde und weiter schlafe. Mal wieder ist mein Schlaf nicht erholsam.

In aller Frühe, schon mit den ersten Lichtstrahlen des Tages, geht das Hämmern wieder los. Es ist ungleich lauter, als die Tage zuvor, was mir beweist, dass sie jetzt im Zimmer direkt unter meinem arbeiten. Immer noch geschwächt von den Ereignissen des gestrigen Tages erhebe ich mich mühsam aus meinem Bett. Mir ist schlecht, ich fühle mich kraftlos.

Es war ein kurzer, guter Augenblick- gestern. Ich hätte dort verweilen sollen. Es ist ein Irrglaube, dass die Dinge besser werden, wenn man weiter geht. Im Grunde führt jedes Ereignis zu einem schlimmeren. Die Zeiten dazwischen sind Momente des Luftholens, die Kraft geben sollen, damit man nicht vollends aufgibt. Vielleicht wird sich irgendwann alles ändern, aber ich glaube nicht, dass ein Mensch dazu die Kraft hat. Wir können nichts bewirken, können nur warten.

Sie hämmern im Akkord und ohne Unterlass, mein Schädel will explodieren. Wieso beschwert sich eigentlich keiner der anderen Mieter- sie müssen es doch auch hören. Von Minute zu Minute wird es unerträglicher. Die Geräusche werden so laut, dass ich nicht einmal das Radio verstehe, das ich es anstelle um mich davon abzulenken. Für gewöhnlich höre ich keine Musik. Ich möchte mir irgendetwas in meine Ohren stopfen, besitze aber nichts, was dazu geeignet wäre. Mein Blick wandert durch mein Zimmer, auf der Suche nach etwas, das sich dafür eignen würde, und bleibt an meiner Bettdecke hängen. Es wäre eine Möglichkeit. Aufgeregt renne ich in die Küche und hole mir ein Messer, mit dem ich sie vorsichtig aufschneide. Ich will sie nicht komplett zerstören, da ich sie noch benutzen will, schließlich besitze ich nur die eine. Das Messer schneidet sich durch den Bezug wie durch Butter und meine Decke gibt ihr weiches Inneres preis. Ich bin froh, niemals eine Daunendecke gekauft zu haben, ziehe die Füllung aus dem Loch und stopfe mir ein wenig davon in die Ohren. Es hilft tatsächlich. Alles um mich herum wirkt jetzt dumpf und fern. Es stellt nicht wirklich alle Geräusche ab, aber wenigstens bin ich so in der Lage einem normalen Tagesablauf nach zu gehen. Ich setze Kaffee auf. Meine Augen brennen, ich bin wahnsinnig müde. Wenn ich doch nur schlafen könnte. Nur eine Stunde, vielleicht auch zwei.

Nachdem ich einen Schluck von meinem Kaffee genommen habe wird mir unheimlich schlecht, ich schaffe es gerade noch rechtzeitig ins Badezimmer und übergebe mich. Zittrig kauere ich vor der Toilette, umklammere die Schüssel fest mit meinen Armen, huste.

Wenn mir jetzt nicht irgendwas einfällt um mich abzulenken werde ich verlieren. Mit der Kraft der Verzweiflung durchwühle ich meinen Schreibtisch, finde ein paar alte Notizen und Manuskripte, blättere sie kurz durch, werfe sie in den Papierkorb, setze mich auf mein Bett und verharre dort, renne erneut ins Badezimmer und übergebe mich, trinke noch einen Kaffee, hole die Blätter wieder aus dem Papierkorb hervor, überfliege sie noch einmal, verstaue sie wieder in einer Schublade- ganz weit unten- so, dass ich sie selber vergesse. Wenn ich Freunde hätte, vielleicht könnten sie mir jetzt helfen. Vielleicht, wenn ich Markus anrufen würde, würde er mit mir hinaus aufs Land fahren. Ich suche nach meinem Telefon und finde es unter einem Berg schmutziger Wäsche. Ich wähle seine Nummer, aber was soll ich ihm sagen? Das ist nicht der Ausweg. Eine Flucht kann keine Lösung sein. Ich lasse den Hörer sinken. Wie automatisch greifen meine Finger nach der Watte in meinen Ohren, ziehen sie langsam hinaus. Ich merke, wie sich wieder Wirklichkeit um alle Geräusche legt, wie das Dumpfe von ihnen weicht. Das Hämmern wird lauter, durchdringender, bebender. Ich lasse mich auf mein Bett sinken und höre ihm zu, wie jemand, der sich hypnotisieren lassen will. Ich bin ein breitwilliges Opfer. Mit offenen Augen sitze ich da, aber ich sehe nicht, drifte davon, das Hämmern nimmt mich ein, umhüllt mich wie eine Seifeblase in der ich davon schwebe.

Erst als es zu dämmern beginnt komme ich wieder zu mir, schrecke aus dem Nirwana, in dem sich mein Geist befand, hervor. Das Hämmern ist verschwunden. Von einem Moment auf den anderen hat es aufgehört und mich aus dem Nichts gezogen. Es ist ungewohnt nichts zu hören, und es hält auch nur einen kurzen Moment. Ich höre das Kind weinen. Heute wirkt es anders auf mich. Ich höre ihm nicht einfach anteilslos zu, es berührt mich, irgendwo tief in meinem Innern. Sein Wehklagen durchströmt mich so intensiv, als wären es meine Tränen, die vergossen würden. Das Gefühl trifft mich so stark, dass ich selber kurz Schlucken muss um meine Tränen zurück zu halten. Dann beginnen sie zu bohren. Es klingt wie ein hohes Kreischen als die Bohrmaschine zum ersten Mal ertönt, der Bohrer wird angesetzt und sein Klang wird immer dumpfer, je tiefer er sich in den Untergrund gräbt. Es fühlt sich an, als würden sie sich aus meinem Kopf heraus bohren, durch meine Stirn platzen, nichts zurück lassen als eine große Leere, ein großes Loch, das nicht gestopft werden kann. Dann ist Ruhe. Und dann wieder Hämmern. Und wieder Bohren. Hämmern und Bohren und Hämmern und Bohren.

Ich lege mich auf den Rücken, stecke die Watte wieder zurück in meine Ohren, liege regungslos da, wie paralysiert. Blind greife ich nach meiner Decke, ziehe sie bis unter mein Kinn hoch und schließe meine Augen.