Archive for the Die Vierte Woche Category

TAG 28

Posted in Die Vierte Woche on 19 März, 2008 by Limbo

Ich kauere in der Ecke in meinem Zimmer und warte. Wie ein Gefangener, der auf seinen Henker wartet verharre ich hier, wage es nicht mich auch nur zu bewegen. Jemand ist hier gewesen. Immer wieder wandert mein Blick auf das Bild des Clowns an der Wand, immer wieder frage ich mich, wie es möglich war hier einzudringen, meine Tür war verschlossen. Wer auch immer es war, er muss im Stockwerk über mir gewartet haben, bis ich meine Wohnung verließ um dann in meine Wohnung zu kommen, genau so wie ich es unten tat. Aber warum sollte ich wissen, dass jemand hier war? Warum diese Zeichnung? Eine Drohung? Ein böser Scherz? Oder soll es mir nur zeigen, dass sie zu dem gleichen imstande sind wie ich?

Der einzige Unterschied ist, dass sie nach mir gerufen haben.  Sie wollten doch, dass ich komme, warum treiben sie dieses Spiel mit mir?

Ich wünschte ich könnte fliehen, irgendwo in die Wüste, dorthin wo mich niemand findet. Aber jeder Schritt nach draußen bedeutet eine Gefahr.

Immerhin erklärt ihr Eindringen in meine Wohnung, warum niemand in der Wohnung unter mir war, doch wieso besitzen sie keine Möbel?

Ob sie mein Zimmer verwanzt haben? Ich weiß nicht, was sie noch getan haben, außer dem Clown eine Schlinge m den Hals zu malen. Hören sie mich ab, oder beobachten mich sogar? Sind hier vielleicht sogar Kameras? Ich kann es erst sicher sagen, wenn ich alles durchsucht habe. Ich springe auf, durchwühle meine Schubläden, sehe überall nach, in jeder Ecke, jedem Winkel, schaue in die kleinen Kästen, in denen ich alte Zeitschriften und Zeitungsausschnitte aufbewahre. Aber finden kann ich nichts.  Mein Schlafzimmer scheint sauber zu sein. Doch ich weiß nicht wirklich nach was ich suche, kenne die Möglichkeiten der Verstecke nicht. Plötzlich wird mir Schwindelig und schwarz vor Augen. Ich habe großen Hunger und bin völlig übermüdet. Ich muss schlafen, es hilft alles nichts, zumindest eine Weile, nur um wieder zu Kräften zu kommen. Also lege ich mich in mein Bett, das Messer halte ich fest umschlossen in der Hand. Ich werde nicht wirklich schlafen, ich muss wachsam bleiben. Wer auch immer hier war, er kann Türen öffnen und er wird es wieder tun.

TAG 27

Posted in Die Vierte Woche on 18 März, 2008 by Limbo

Es klopft und es herrscht Stille. Es klopft erneut und ich Antworte. Während ich am Küchentisch sitze und frühstücke, halte ich einen Besen in der Hand, mit dessen Stil ich auf den Boden hämmere. Meine Klopfzeichen sollen sagen: Keine Sorge, ich komme, ich bin da.

Ich bezweifle zwar, dass dies verständlich ist, doch hoffe ich, dass es Mut gibt- wer auch immer da unten ist.

Den ganzen Tag über, herrscht in mir eine Anspannung, die es mir kaum möglich macht, mich normal zu verhalten. Ich warte darauf, dass es dunkel wird, warte auf die Nacht, bereite mich vor.  Ich weiß nicht, was mich dort unten erwarten wird, doch ich will auf alles gefasst sein.

Urplötzlich verschwindet die Sonne am Horizont und alles da draußen wird in ein tiefes Schwarz getaucht. Es ist so wolkig, dass der Mond kaum Licht spendet. Ich ziehe mir meine schwarze Hose und einen schwarzen Rollkragenpullover an, komme mir beinahe vor wie ein Einbrecher, als ich mich im Spiegel betrachtet- aber in gewisser Weise bin ich das ja auch.

Die meisten Gedanken habe ich mir darüber gemacht, wie ich die Wohnungstür aufbekommen soll, und auch jetzt, wo ich in den dunklen Hausflur trete, weiß ich noch nicht genau, wie ich es anstellen soll.  In den letzte Wochen habe ich gelernt mich leise zu bewegen, fast schon routiniert schleiche ich Stufe für Stufe hinab. Ich fühle, wie das Adrenalin durch meine Adern rast, doch jetzt wo ich mir sicher bin, dass ich nicht verrückt bin, fürchte ich mich nicht mehr so sehr. Es ist als würde die Gewissheit, gleich etwas Schlimmes zu erleben meine Angst nehmen. Ich habe mein großes Küchenmesser zwischen meinen Gürtel geklemmt, stets griffbereit, falls ich mich verteidigen muss, ich habe einen Schraubenzieher bei mir um die Tür aufzubrechen.

Ich bin mir nicht sicher, ob sich noch irgendwer in der Wohnung aushält, außer der Person, die mir die Klopfzeichen hat zukommen lassen. Meine heutigen Abhörversuche mit dem Stethoskop, lassen auf eine einzige Person schließen, also klopfe ich an die Tür, in dem gleichen Rhythmus, mit dem ich immer geantwortet habe. Nichts geschieht. Es ist so dunkel im Hausflur, dass ich kaum die Hand vor Augen sehen kann. Wie ein Blinder ertaste ich die Türklinke, erfühle die kleinen Schrauben. Ich habe mit meiner Wohnungstür geübt und kann sie auch im Dunkeln mit Leichtigkeit herausdrehen, die Türklinge abziehen. Jetzt kommt der schwierige Teil. Irgendwie muss ich sie jetzt aufbekommen, den Bolzen aufbekommen und mich gleichzeitig bemühen, das alles leise zu tun.

Es dauert eine ganze Weile und ist vermutlich ziemlich unbeholfen, was ich da anstelle, doch es gelingt. Mit einem lauten Schnappen springt die Tür auf und öffnet sich langsam. Ich stecke den Schraubenzieher in den Gürtel und ziehe mein Messer. Mein Herz rast, meine Atmung beschleunigt sich. Vorsichtig trete ich in den Dunklen Flur. In der Wohnung riecht es modrig, irgendwie seltsam, aber ich kann es nicht genau definieren.

Vorsichtig schließe ich die Tür hinter mir und gehe weiter in die Wohnung hinein. Die Türen sind alle nur angelehnt. Sie ist genauso geschnitten wie meiner, dadurch kann ich mich auch im Dunkeln gut zurecht finden. Links das Bad, rechts die Küche und am Ende des Flures das Schlafzimmer. Langsam öffne ich die Tür zum Bad, schließlich kamen von dort die Klopfgeräusche, das Messer zittert in meiner Hand. Vorsichtig stecke ich den Kopf durch den Spalt in der Tür und versuche in der Finsternis etwas zu erkennen. Ich sehe die Umrisse des Waschbeckens und der Toilette. Der einzige Unterschied zu meiner Wohnung ist, dass es hier eine Badewanne anstelle einer Dusche gibt. Wie ein Gespenst hängt der Duschvorhang von der Decke herunter. Ich muss sehen, ob sich in der Badewanne etwas, oder jemand, befindet. Auf Zehenspitze quetsche ich mich durch den Türspalt und schleiche in das Badezimmer. Ich halte die Luft an, so gespannt bin ich, greife nach dem Vorhang. Ich will ihn mit einem Ruck zurückreißen, aber es wäre zu laut. Ganz langsam ziehe ich ihn zur Seite und blicke in die Badewanne- nichts. Sie ist vollkommen leer.

Ich atme tief durch und ziehe den Vorhang wieder zu, schleiche aus dem Bad hinaus und lausche. Es ist vollkommen Still, entweder mich hat niemand bemerkt, oder jemand lauert auf mich. Nun öffne ich die Küchentür, auf die gleiche Weise wie beim Bad, spähe ich durch den Spalt in der Tür. Da steht ein Tisch, ein paar Stühle, es sieht beinahe genauso aus wie bei mir- aber niemand ist das.

Mein Herz galoppiert, als ich auf die geschlossene Schlafzimmertür blicke. Da drinnen muss sein, weswegen ich hier bin. Es gibt keine andere Möglichkeit. In meinem Kopf beginnt sich alles zu drehen, so aufgeregt bin ich, als ich den etwa fünf Meter langen Flur auf die Tür zu schleiche. Natürlich ist sie die einzige, die nicht bloß angelehnt sondern wirklich verschlossen ist. Es wäre ja auch zu einfach gewesen. Vorsichtig umschließt meine Hand die Türklinge, ich bin darauf gefasst, dass dort jemand steht, wenn ich sie öffne und halte mein Küchenmesser stichbereit, für den Fall, dass es der Riese sein sollte. Behutsam drücke ich die Klinke nach unten, zu meiner Freude öffnet sich die Tür ohne zu quietschen. Ganz langsam geht sie auf, etwas Mondlicht fällt in den Raum, das sich durch die Wolkendecke gekämpft hat. Gardinen gibt es hier keine. Und auch sonst ist der Raum vollkommen leer. Kein Bett, kein Schrank, keine Regale, kein Tisch. Ich trete in den Raum und sehe mich um. Er ist leer, vollkommen leer. Was zum Teufel ist hier los? Aufgeregt gehe ich durch die Wohnung, durchsuche jeden Winkel. Hier gibt es keine Nischen, keine verkleideten Wände, hinter denen sich etwas verbergen könnte, keine Geheimtüren, absolut gar nichts. Ich stehe im Flur und beginne an mir zu zweifeln. Was ist hier geschehen. Niemand hat hier etwas herausgebracht, das hätte ich gesehen.  Aber je mehr ich darüber nachdenke- ich habe auch niemals gesehen, das Möbel hereingebracht wurden sind. Aber nicht mal von den ganzen alten Brettern oder der Hämmerei ist hier irgendetwas zu erkennen. 

Ich schleiche wieder in den Hausflur zurück und Montiere das Schloss wieder an. Abschließen kann ich dir Tür leider nicht, aber ich hoffe, es wird niemandem auffallen. Ich fühle mich komisch. Es ist nicht direkt eine Enttäuschung, die sich in mir ausbreitet, aber irgendetwas sitzt mir unbehaglich im Magen, ich bin perplex, zu keinem klaren Gedanken fähig.

Mit gesenktem Kopf gehe ich zurück in meine Wohnung. Hier stehe ich nun, in meiner schwarzen Kleidung, einem Küchenmesser in der Hand, einem Schraubenzieher. Was ist aus mir geworden? Ich ziehe die Sachen aus und werfe sie in eine Ecke, lege mich auf mein Bett. Mir ist nach Weinen zumute. Ich zünde mir eine Zigarette an und mache meine Nachtischlampe an, schaue mich in meinem Zimmer um. Es hat doch jemand geklopft. Das bilde ich mir doch nicht ein. Aber wer? Und wo ist er? Noch am Nachmittag haben wir uns auf diese Weise unterhalten. Ich gehe zu meinem Schreibtisch um mein kleines Buch zu holen, ich muss das hier aufschreiben, und dann sehe ich es. Das Bild des Clowns. Es sieht anders aus, seltsam in gewisser Weise. Zuerst weiß ich nicht, was es ist, bemerkte nur, dass etwas verändert hat. Erst auf den zweiten Blick erkenne ich die Schlinge die um seinen Hals liegt, ein Seil, wie ein gehängter steht er nun da. Blind und traurig, verunstaltet mit meinem Edding. Ich habe das nicht gemalt. Diese Schlinge stammt nicht von mir! Vor Schreck lasse ich mein Buch fallen. Ich greife nach meinem Messer, schalte in jedem Zimmer das Licht ein, durchsuche jeden Raum. Erst einmal, dann erneut- nur um sicher zu gehen. Ich bin alleine, aber irgendjemand war hier. Er muss hier gewesen sein. Und er will, dass ich es weiß. Ich schließe meine Wohnungstür ab, schiebe die Kommode wieder davor, renne in mein Zimmer, schließe auch dort die Tür ab, schiebe hektisch den Schreibtisch davor, so dass alles, was darauf liegt herunter fällt und kauere mich in eine Ecke, fixire den Türgriff mit meinem Blick. Ich habe schreckliche Angst. Helft mir!   

TAG 26

Posted in Die Vierte Woche on 17 März, 2008 by Limbo

Ich weiß beim besten Willen nicht mehr, was ich noch glauben soll, was ich denken soll, ja nicht einmal mehr, was ich fühlen soll. Sollten sie sich einen Spaß mit mir erlauben, dann gehen sie zu weit. Wenn dies alles Ernst ist, und ich immer schon richtig lag, dann braucht da unten jemand meine Hilfe. Ich bin zum Handeln gezwungen, halte den Telefonhörer in zittrigen Händen und weiß nicht, ob ich Markus oder die Polizei anrufen soll, während sich das S.O.S von unten, weiter durch jede Faser meines Körpers hämmert. Wieso denke ich nur automatisch daran, dass es die Frau ist, die mir die Klopfzeichen zukommen lässt? Es könnte sonstwer sein. Sogar eine Falle kann ich nicht ausschließen. Ich erinnere mich wieder an die Nacht, in der ich glaubte jemand hätte vor meiner Wohnungstür gestanden. Was, wenn mir tatsächlich jemand gefolgt war und eben diese Person mich nun in die Wohnung locken wollte?

Ich schäme mich Markus anzurufen, er hat mich schon deswegen aufgezogen, aber ist diese Situation es wert die Polizei zu rufen? Ich könnte mich lächerlich machen. Doch wenn ich persönlich nach unten gehe und versuche in die Wohnung einzudringen ist es mit Gefahren verbunden. Und selbst wenn es nur das Risiko ist, dass meine Vermieter mich deswegen auf die Straße setzen.

Ich lege mich ins Bett. Dass ich heute Nacht sehr unruhig sein werde ist mir klar, doch ich brauche den Schlaf um einen klaren Gedanken fassen zu können. Von unten klopft es weiter, nicht unentwegt, nur hin und wieder, dann wird es von Minute zu Minute weniger, bis mir die Augen zufallen als es ganz aufzuhören scheint. Ich bin zum Handeln gezwungen. Morgen werde ich runter gehen. Morgen Nacht. 

TAG 25

Posted in Die Vierte Woche on 16 März, 2008 by Limbo

Ich schlafe lange und fest und wache erst sehr spät auf. Der Tag ist schon fast vorbei. Irgendetwas steckt mir in den Knochen, jede Bewegung ist anstrengend. Ich schleppe mich in die Küche und setze schlaftrunken einen Kaffee auf. Während er durch die Maschine blubbert nehme ich eine heiße Dusche. Ich genieße es, wie das Wasser meinen Nacken umspielt, auf meinen Rücken prasselt, so rhythmisch. Es dauert eine Weile, aber ich werde wacher. Meine Augen brennen wie Feuer, es fällt mir schwer, meine Arme zu heben, als ich nach dem Shampoo greife.

Ich lehne mich mit dem Rücken an die Fliesen und lasse den Wasserstrahl auf mich herab prasseln, schließe die Augen und entspanne mich. Und dann, wie aus dem nichts, höre ich etwas, das mich aus meiner Entspannung heraus reißt. Hat es da nicht eben geklopft? Ich bin hellwach, reiße meine Augen auf und drehe die Dusche ab. Ich lausche- höre wie das Wasser von meinem Körper auf den Boden tropft, höre die Kaffeemaschine aus der Küche. Vermutlich habe ich mich getäuscht. Ich drehe das Wasser wieder an und versuche zurückzufinden, zu meinem Quell der Sorglosigkeit. Dann wieder ein Klopfen, diesmal ist es deutlicher.

Erneut drehe ich den Wasserhahn zu und lausche. Wieder ist nur das Tropfen und die Kaffeemaschine zu hören. Ich schüttele den Kopf und will gerade wieder zum Wasserhahn greifen, als ich es ganz deutlich höre. Da klopft jemand von unten. Eine verspätete Antwort auf meine Zeichen von gestern? Schnell wickele ich mir ein Handtuch um die Hüften und trete aus der Dusche. Da ist es wieder. Eins, zwei, drei- dann eine Pause- eins, zwei, drei. Jemand gibt mir Zeichen. Ich renne aus dem Badezimmer und suche mein Stethoskop. Als ich es endlich gefunden habe laufe ich in mein Badezimmer zurück und  setze es auf den Boden. Im Moment ist es wieder ruhig, also warte ich. Dann kommt es wieder. Jedes einzelne Klopfen hämmert in meinen Ohren. Eins, zwei, drei- Pause- eins, zwei, drei- Pause- eins, zwei, drei. Irgendwoher kenne ich diesen Rhythmus, doch woher nur?

Es hört nicht auf, kommt immer wieder. Vielleicht wollen sie mich damit wieder nur aufziehen, schließlich habe ich gestern damit angefangen. Ich lege das Stethoskop beiseite, trockne mich ab, ziehe mich an und gehe in die Küche. Aber es klopft weiter. Nicht mehr in dem gleichen Rhythmus, aber in regelmäßigen Abständen.

Während ich meinen Kaffee trinke überlege ich, was ich tun soll. Soll ich auf das Klopfen antworten, oder es einfach ignorieren? Ich bin mir nicht sicher. Eigentlich muss ich antworten, denke ich. Schließlich habe ich mich Entschieden, in diesem Spiel mitzuspielen. Ich stehe auf und gehe ins Badezimmer. Hier ist das Klopfen am lautesten. Es muss also direkt von dem darunter liegenden Raum ausgehen. Nachdem es wieder geklopft hat und eine unbehagliche Stille entsteht knie ich mich auf den Boden und klopfe meinerseits, nur ein mal und recht zaghaft, auf die noch feuchten Fliesen. Ich horche. Es dauert nicht lange, und eine, ebenfalls zaghafte Antwort von unten ist zu hören. Erneut klopfe ich, diesmal kräftiger- auch die Antwort fällt ähnlich kräftig aus. Es kommt mir vor, wie der Dialog mit einem Papagei. Es ist doch einfach lächerlich. Jemand macht sich da lustig über mich. Wie kleine Kinder, die alles nachsprechen, was man gesagt hat, um einen zu reizen. Ich habe ihr Spiel mitgespielt, jetzt ist es an der Zeit Stärke zu zeigen, sich nicht mehr darauf einzulassen. Ich stehe auf und will gerade in die Küche gehen, als es so heftig klopf wie bisher noch nie. Es ist der gleiche Rhythmus, wie anfangs- und nun fällt mir ein, woher ich ihn kenne. Das sind Morsezeichen, eindeutig. Ich bekomme eine Gänsehaut und mir sitzt mit einmal ein riesiger Kloß im Hals.    

Ich kann das Morsealphabet nicht, aber für diese Zeichen reicht es bei jedem: S.O.S. Immer wieder. S.O.S. – S.O.S.

TAG 24

Posted in Die Vierte Woche on 15 März, 2008 by Limbo

Das Stethoskop ist heute bereits geliefert wurden. Ich habe den Lieferwagen von meinem Fenster aus gesehen. Es ist vermutlich nicht das Beste das man kriegen kann, aber dafür war es nicht sehr teuer. Und es funktioniert besser als das umgestülpte Glas. Ich höre da unten Schritte, höre wie sich jemand räuspert. Irgendjemand ist also da. Bisher habe ich nicht mitbekommen, dass der Riese wiedergekommen ist, aber ich möchte es nicht ausschließen. Mag sein, dass es zurück kam als ich schlief. Bevor ich mir überlege, wie ich weiter vorgehen werde, muss ich herausfinden wer sich in der Wohnung befindet. Ist es nur die Frau? Ist der Riese auch da? Halten sich dort eventuell sogar noch mehr Menschen auf, von denen ich nichts weiß?

Stimmen kann ich keine hören. Es vergehen Stunden, bis ich beschließe mir eine Pause zu gönnen. Ich esse ein wenig, trinke einen Kaffee. Anschließend durchquere ich meine gesamte Wohnung auf Knien, lege das Stethoskop auf jeden Quadratzentimeter des Fußbodens, in der Hoffnung auf die perfekte Position. Doch leider ändert sich nichts. Schritte, Räuspern, hin und wieder klappert irgendwas, es wird in einer Zeitschrift geblättert- mehr nicht. Es scheint sich tatsächlich nur eine Person in der Wohnung aufzuhalten. Da der Riese gegangen ist, wäre es unwahrscheinlich, dass er es ist. Vorsichtig, und nicht all zu laut, klopfe ich auf den Boden- rhythmisch. Meine Hände sind schweißnass. Wenn dort doch mehrere Personen sind, mache ich sie auf mich aufmerksam. Aber wenn es nur die Frau ist, dass wird sie dadurch wissen, dass hier oben jemand ist. Ich klopfe drei Mal und mache eine Pause. Dann klopfe ich erneut. Ich treibe das so lange, bis die Knöchel meiner Finger beginnen weh zu tun. Keine Antwort. In jeder Unterbrechung meiner Klopfzeichen, halte ich das Stethoskop auf den Boden und warte auf eine Reaktion, doch es geschieht nichts.

Langsam rappele ich mich vom Boden auf und werfe das Stethoskop in die Ecke. Das ist doch Wahnsinn, was ich hier veranstalte. Ist es so weit gekommen? Bin ich denn vollkommen bescheuert? Ich krieche mit einem Stethoskop auf dem Fußboden herum und gebe Zeichen.

Auf einmal schäme ich mich. Hoffentlich hat es niemand mitbekommen. Ich merke wie das Blut in meinen Kopf steigt, vor Scham wird mir ganz heiß. Eine blöde Idee war das.

Ich setze mich an den Schreibtisch und versuche weiter an meinem Theaterstück zu arbeiten, doch es will mir nicht gelingen. Es fällt  mir unsagbar schwer, die Worte aneinander zu reihen, es ergibt alles keinen Sinn mehr.

Ich stelle leise Musik an lege mich auf mein Bett. Sie soll mich auf sanfte Weise in eine andere Sphäre begleiten, hoffentlich gelingt es mir, meinen Geist zu entführen, irgendwohin- wo das ist, das weiß ich nicht, nur fort. Fort von hier, raus aus diesem Zimmer, raus aus diesem Haus, raus aus dieser Stadt. Ich überlege ernsthaft, ob ich wegfahren soll, aber ich weiß nicht wohin. Als gäbe es keinen Platz für mich- ich fühle mich überall fremd.   

Die Stunden ziehen an mir vorbei, sie verfliegen einfach- aus ihnen werden Tage. Ich werde immer unzufriedener mit meiner gesamten Situation, ohne dass es etwas gibt, das ich gerne ändern würde. Vielleicht ist das hier eine Art Bestimmung. Sie macht keinen Sinn, hält mich fest im Griff, aber auch mich ihr zu entziehen würde nichts ändern. Irgendetwas Schlechtes gibt es immer, ich muss mich auf die guten Dinge besinnen, muss sie suchen- irgendwo sind sie versteckt. Ich werde am Theaterstück arbeiten, gleich morgen. Irgendwann schlafe ich ein.

TAG 23

Posted in Die Vierte Woche on 14 März, 2008 by Limbo

Wieder bin ich gefangen. Wieder kreisen all meine Gedanken um die Wohnung unter mir. Und wie zuvor schaffe ich es nicht, mich davon abzulenken. Je mehr ich es versuche, desto größer wird der Zwang zu lauschen. Das leere Glas, das ich auf den Boden setze, stelle ich nur noch ganz selten beiseite. Und obwohl ich nicht das winzigste Geräusch wahrnehmen kann, schaffe ich es einfach nicht mich davon los zu reißen.
Manchmal denke ich, dass sie sich über mich lustig machen. Spätestens seit sie mich am Fenster gesehen haben, und ich bin mir sicher das haben sie, wissen sie, dass mein Interesse mehr als groß ist. Und jetzt treiben sie ihre Spielchen mit mir. Das muss es sein.
Ich habe mir schon die verrücktesten Theorien zusammen gebastelt. Dass die Frau dort gegen ihren Willen festgehalten wird, dass der Riese vielleicht der Chef eines Frauenschlepperinges sein könnte, dass sie ihr ihr Kind genommen haben um es im Ausland zu verkaufen. Aber so etwas passiert nicht. Nicht einfach so, nicht hier, und nicht jetzt gerade. Die plausibelste Erklärung, so scheint mir, ist es tatsächlich, dass sie sich über mich lustig machen. Hier eine seltsame Aktion bei Nacht und Nebel, dann ein Streit, ein paar Tränen und dann ein Wimmern- sie wissen genau, dass sie mich damit kriegen. Und obwohl ich sie durchschaut habe, gelingt es mir nicht, es zu ignorieren. Mein Leben zu leben, zu gut es geht, die Dinge zu erledigen, die ich gerne tun möchte. Ich bin eine Schachfigur für sie, das ist mir klar. Ich nehme mein Ohr vom Glas und sitze auf dem Fußboden, kalkuliere, denke nach. Wenn sie es so wollen, werde ich ihr Spiel mitspielen, aber ich werde es sabotieren. Sie wissen ja nicht, auf was sie sich da einlassen. Meine Wohnung ist wie ein Bunker, meine Zentrale, von der aus ich zurückschlagen werde- ich weiß nur noch nicht wie. Aber mir wird schon was einfallen.
Und wenn ich mich täusche? Wenn doch alles bitterer Ernst ist?
Im Internet bestelle ich mir ein Stethoskop- es wird Zeit härter Geschütze aufzufahren. Erst, wenn ich alles über sie weiß, kann ich effizient operieren.
Ich beginne wieder zu trainieren- stemme Hanteln, mache Liegestütze. In der letzten Zeit ist mein Körper abgeschlafft, ich muss trainieren, muss meinen Körper und meinen Geist wieder vereinen, nur so habe ich die Kraft, die Sache anzugehen.
Wenn dies ein Spiel ist, werde ich es gewinnen. Wenn es ernst ist, werde ich kämpfen. Ich werde bis zum Äußersten gehen. Ich werde nicht aufgeben. Vielleicht bin ich der einzige, der dem ein Ende setzen kann.
Ich hätte niemals erwartet, dass ich so regieren würde, aber jetzt wo es so weit ist bin ich nicht verwundert über mich selbst. Ich habe das Abenteuer nie gesucht, aber es hat mich auserwählt. Es gibt Zeiten in denen werden Helden geboren. Mag sein, dass ich das gar nicht bin- aber ich werde zumindest kein Opfer sein.

TAG 22

Posted in Die Vierte Woche on 13 März, 2008 by Limbo

Es ist eindeutig ein Wimmern. Und heute ist es lauter, deutlicher, energischer. Wie von einem kleinen Hund, der an der Tür kratzt und hinaus möchte. Es fällt mir zunehmend schwerer es zu ignorieren. Ich bekomme Angst, dass meine Entscheidung nicht darauf zu reagieren wohlmöglich falsch ist.

Als ich im Hausflur auch noch eine Tür zufallen höre und anschließend Schritte höre, steigt sogleich wieder die Spannung in mir auf. Ich stürze an mein Fenster und gehe hinter meinen Vorhängen in Deckung. Ich sehe den Riesen, der das Haus verlässt. Vor dem Eingang bleibt er stehen und steckt sich eine Zigarette an, dann verschwindet er aus meinem Blickfeld.

Ich lausche und höre das Wimmern immer noch. Ob es die Frau ist?

Ich bleibe lange am Fenster stehen, aber der Riese kommt nicht zurück. Ist sie dort unten alleine? Wurde sie eingesperrt? Ich habe mal über sowas gelesen. Aber wer würde einfach nur Wimmern, wenn er eingesperrt ist und nicht versuchen heraus zu kommen?

Ich blicke auf meinen Schreibtisch. Dort liegt mein Buch aufgeschlagen, der Stift daneben, so als wolle er nach mir rufen. Am Morgen habe ich mit einem Theaterstück begonnen, das ich schon seit Jahren schreiben will. Aber ich bin nicht fähig mich darauf zu konzentrieren. Es ist viel zu spannend mir auszumalen woher das Wimmern kommt und was es bedeutet.

Jetzt wo ich weiß, dass der Riese weg ist, würde ich gerne hinunter gehen, zu der Wohnung, aber das Risiko, dass er zurück kommen könnte ist zu groß. Und so verstreichen die Minuten. Immer wieder ärgere ich mich vor fünf Minuten nicht gegangen zu sein, das wäre ausreichend Zeit gewesen um sicher in meine Wohnung zurück zu kehren. Je mehr Zeit verstreicht, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass er irgendwann hinter mir steht, wenn mein Ohr gerade an seiner Wohnungstür liegt. Ich mag mir gar nicht ausmalen, was er dann mit mir anstellen würde.

Es vergehen Stunden und er ist noch nicht zurückgekommen. Es wird dunkel und noch immer kein Anzeichen von ihm. Das Wimmern jedoch bleibt. Es ist wieder etwas leiser geworden, vermutlich aus Erschöpfung.

Ich habe meine Bettdecke auf dem Fußboden ausgebreitet und mich darauf gelegt, so kann ich es besser hören. Eine Tür fällt zu, dann Schritte. Das Wimmern hört af. Ich vernehme eine tiefe Stimme. Der Riese muss zurückgekehrt sein. Es ist drei Uhr nachts. Doch er bleibt nicht sehr lange. Irgendetwas klappert da unten, dann höre ich die Tür. Es ist fünf Uhr, kurz vor der Dämmerung. Ich springe auf und trete ans Fenster. Unten parkt ein Wagen. Ich glaube es ist der gleiche, mit dem sie neulich das Kind abgeholt habe. Der Riese steigt ein und der Wagen entschwindet in die Nacht.

Wieder kehre ich zu meiner Decke zurück, lege mein Ohr auf den Boden. In der Wohnung ist es still. War ich zu spät? Saß die Frau eventuell im Auto? Ich verharre in dieser Position, mein Ohr fest auf die Dielen gepresst. Ich kann bereits sehen, wie die Sonne den Horizont rötlich verfärbt, mir fallen die Augen zu. Ich versuche gegen die Müdigkeit anzukämpfen, ich will nichts von dem verpassen, was dort unten geschieht, doch ich verliere. Bin so müde…