Archive for the Die Fünfte Woche Category

TAG 35

Posted in Die Fünfte Woche on 26 März, 2008 by Limbo

Wir fahren so lange, wie die Tankfüllung reicht. Nachdem die Reserveleuchte aufblinkt, fährt sie von der Autobahn ab, jedoch nicht um zu tanken, wie ich annehme, sondern um einen neuen zu stehlen. Mit der selben Leichtigkeit wie zuvor schließt sie ihn kurz- und wir fahren wieder auf die Autobahn. Immer noch blickt sie häufig nervös in den Rückspiegel und spricht kein Wort. Auch ich bin zu müde zum reden, zu erschöpft, fühle mich in gewisser Weise ausgebrannt. Hin und wieder frage ich mich, wies es dazu kommen konnte, was ich hier überhaupt mache und warum gerade ich hier rein geraten bin. Sehnsüchtig erwarte ich ihre Erklärung.

Als es anfängt Dunkel zu werden fährt sie erneut von der Autobahn ab. Ich kenne die Gegend nicht, in der wir uns befinden, doch ihr scheint sie bekannt zu sein. Sie fährt auf eine Bundesstraße, die sich Kilometer weit durch ein Nichts von Wiesen, Wäldern und Feldern zieht. Irgendwann hält sie unvermittelt an und befiehlt mir auszusteigen. Ich blicke sie fragend an, doch anstatt einer Erklärung bekomme ich lediglich noch einmal die gleiche Aufforderung. Ich greife nach meiner Sporttasche auf dem Rücksitz und steige aus. Sie folgt mir, geht um den Wagen herum, bittet mich anschieben zu helfen und gemeinsam gelingt es uns ihn in eine Grube rollen zu lassen. Warum wir was tun ist mir in diesem Moment noch ein Rätsel, doch in gewisser Weise traue ich ihr.

Ich folge ihr über eine die riesigen Wiesen, sie scheint die Gegend wirklich bestens zu kennen. Nach etwa einem Kilometer Fußmarsch durch die kalte Nacht gelangen wir zu einem verlassenen Bauernhof. Sie muss von ihm gewusst haben und ihn sich die ganze Zeit schon als Ziel ausgesucht haben. Ich folge ihr in die leer stehende Scheune, wo sie sofort über eine Leiter auf den Heuboden klettert. Ich krame meine Taschenlampe aus meiner Tasche hervor und versuche alles zu überblicken. Hier steht viel Gerümpel rum, nichts Brauchbares leider. Ich steige die brüchig wirkende Leiter auf den Heuboden empor, will sie fragen, wie es jetzt weitergeht, doch sie hat sich bereits in das Heu gelegt und ist eingeschlafen. Morgen vielleicht.

Ich setze ich neben sie auf das Heu und blicke mich in der Scheune um. Es ist in Ordnung hier zu sein, doch sehne ich mich nach meiner Wohnung. Schmerzlich denke ich an all die Dinge, die ich dort zurück gelassen habe und hoffe, dass niemand die offene Tür bemerkt.

An Schlaf ist zur Zeit noch nicht zu denken. Still sitze ich einfach nur da, lösche das Licht und starre in die Dunkelheit, begleitet von ihrem, immer ruhiger und gleichmäßiger werdendem Atem.

Advertisements

TAG 34

Posted in Die Fünfte Woche on 25 März, 2008 by Limbo

Sie sagt, sie kann mir nicht alles erzählen- noch nicht. Aber sie wird es, sobald wir in Sicherheit sind. Ich weiß nicht was ich davon halten soll. Sie bittet mich, mit ihr aufs Land zu verschwinden, dort würden sie uns nicht finden. Sie- ein vollkommen schwammiger Begriff. Wer sind „sie“? Natürlich denke ich an den Riesen, aber wissen kann ich es selbstverständlich nicht, genauso wenig, um wie viele es sich handelt und was sie tun, sollten sie uns finden.

Wieso sie ausgerechnet mir traut, frage ich und sie weiß keine Antwort darauf, fleht mich nur noch einmal an, und sagt ausdrücklich, dass wir jetzt, aber besten schon vor fünf Minuten, los müssten.

Am liebsten würde ich nein sagen, mich einfach aus dieser ganzen Sachen heraus halten, aber ein Blick in ihre tiefgrünen Augen macht es mir nicht einfach. Evolutionstechnisch ist es wohl ganz normal, dass sich Frauen an Männern wenden, wenn sie Hilfe brauchen, weil sie wissen, dass wir nicht in der Lage sind es abzulehnen. Sind die Beschützerinstinkte erst einmal geweckt, handeln wir nicht mehr wie denkende Wesen. Während sie am Küchentisch sitzen bleibt, packe ich in meinem Schlafzimmer ein paar Dinge in meine Sporttasche. Kleidung, mein  Notizbuch, etwas zu Essen, das große Küchenmesser.

Als ich die Küche wieder betrete, steht sie auf und schaut mich an. Draußen scheint die Sonne, aber es scheint kalt zu sein. Der Tag wirkt so zerbrechlich wie dünnes Glas.

Ich nicke ihr zu, als Zeichen von hier zu verschwinden. Wohin, steht noch nicht fest, wie, das wissen wir nicht. Sie sagt, wir müssen ein Auto suchen, sie selber hat keins, aber es gäbe genug davon, die niemand mehr benutzt.

Vorsichtig schleichen wir uns aus meiner Wohnung und durch den Hausflur, raus auf die Straße, um die nächste Ecke, laufen Richtung Stadtzentrum wo sie einen Wagen entdeckt. Niemand ist zu sehen. Besorgniserregend routiniert bricht sie die Tür auf und schließt den Wagen kurz. Auf meine Frage, woher sie weiß, wie sowas geht, antwortet sie nicht. Sie setzt sich hinter das Steuer und gibt mir zu verstehen, dass ich auf dem Beifahrersitz platz nehmen soll. Der Wagen setzt sich in Bewegung, die Häuserfassaden rasen an uns vorbei, wir nehmen die Autobahn Richtung Süden- warum wissen wir beide nicht, haben aber ein gutes Gefühl dabei. Immer wieder wirft sie einen Blick in den Rückspiegel, doch die Straßen sind wie ausgestorben. Sie redet nicht, das Radio bleibt stumm. Lediglich das Brummen des Motors begleitet unsere Fahrt. Ich überlege noch sie zu fragen, warum die Wohnung leer war, als ich dort eingedrungen bin, schaffe es aber nicht mehr, mir fallen die Augen zu.

TAG 33

Posted in Die Fünfte Woche on 24 März, 2008 by Limbo

Ich kann hören, wie sich die Tür öffnet, wie sie gegen die Kommode schlägt, wie jemand versucht sein ganzes Gewicht dagegen zu stemmen. Aber die Kommode hält. Wer auch immer es ist, er kommt nicht rein. Um ein Haar muss ich lachen, dass es so gut funktioniert. Ich warte noch einen Augenblick, doch es scheint sich nichts zu ändern. Vorsichtig öffne ich die Tür meines Kleiderschranks und trete heraus. Ich gehe in meinen Flur, das Messer in schweißnasser Hand und starre auf meine Wohnungstür. Die Person müht sich immer noch ab meine Tür zu öffnen, ich kann ihre Finger sehen. Langsam schleiche ich auf die Tür zu. Noch weiß ich nicht, was ich als nächstes tun werde, bin in der Hoffnung, der Eindringling wird die Flucht aufnehmen, sollte er realisieren, dass ich seine Anwesenheit bemerkt habe.

Jeder Muskel meines Körpers ist angespannt, meine Atmung hechelnd. Ich bleibe direkt vor der Tür stehen, die immer wieder gegen die Kommode geschlagen wird, ich höre ein angestrengtes Stöhnen, aber die Kommode bewegt sich keinen Millimeter.

„Hallo“, sage ich. Ganz normal- etwas Besseres fällt mir nicht ein. Ich klinge weder aufgeregt noch ängstlich, so als wäre es das normalste in der Welt. Mein unbekanntes Gegenüber hält inne.

„Du warst unten“, höre ich eine Stimme sagen. Es ist eine Frauenstimme. Nicht der Riese, wie ich erwartet hatte. Ist es die Frau mit dem Kind?

„Ihr habt geklopft.“

Die Finger greifen durch den Spalt in der Tür, sie sind zittrig.

„Bitte… hilf mir“, flüstert die Stimme.

Was soll ich jetzt tun? Ihre Stimme klingt verzweifelt- aber weiß ich sicher, dass sie dort draußen alleine steht? Genauso gut könnte sie dort zusammen mit dem Riesen stehen, der sich ruhig verhält. Doch ich denke zu zweit hätten sie es geschafft die Kommode zumindest ein Stück weit zu bewegen.

„Warte!“ Lautet meine Antwort. Dann verrücke ich die Kommode, nur ein kleines Stück weit, so dass ich die Tür so weit öffnen kann.  Ich spähe durch den Türspalt auf den Hausflur, aber es ist kein Licht an. Ich kann nur ihre Silhouette erkennen, sonst nur Dunkelheit.

„Mach das Licht an!“ flüstere ich ihr zu.

„Ich kann nicht“, antwortet sie mir. So verzweifelt wie sie klingt glaube ich daran, dass sie Angst hat. Andeutungsweise kann ich erkennen, wie sie immer wieder verzweifelt nach unten blickt. Ich öffne.

Sie tritt herein. Es ist die Frau mit dem Kind. Sie zittert am ganzen Leib, setzt zaghaft einen Fuß vor den anderen und schaut sich in meinem Flur um. Ihr Make- Up ist verschmiert, ihre Augen klein und rot- sie muss geweint haben.  Schnell schließe ich die Tür hinter ihr und schiebe die Kommode davor.

„Ich kann die Tür nicht mehr abschließen“, sage ich und versuche vorwurfsvoll zu klingen- ich glaube es gelingt mir nicht so ganz, mein Mitleid mit ihr ist zu groß. Sie senkt ihren Blick. Ich kann erkennen, dass eine Träne still ihre Wange hinunter läuft, bevor sie sie in Windeseile wegwischt. Ich möchte ihr meine Hand auf die Schulter legen, doch ich lasse es.

„Möchtest du etwas trinken?“ frage ich.

Sie nickt.

Als es allmählich zu dämmern beginnt sitzen wir uns immer noch schweigend in meiner Küche gegenüber. Mit beiden Händen umklammert sie die Tasse und nippt immer wieder an ihrem Tee. Mein Messer habe ich vor mich auf den Tisch gelegt. Irgendwie traue ich ihr noch nicht so ganz.

TAG 32

Posted in Die Fünfte Woche on 23 März, 2008 by Limbo

Weiterhin klopft es in unregelmäßigen Abständen- immer wieder S.O.S. Es sind Hilferufe aus dem Nichts und ich kann nichts anderes tun, als sie zu ignorieren.

Es ist tiefste Nacht und ich sitze an meinem Schreibtisch, bin hellwach. Habe so lange geschlafen, wie es mir möglich war, und nun muss ich mich damit abfinden, dass sich mein Körper erholt hat. Vor mir liegt das Bild des Clowns. Mit den Fingern fahre ich die Linien der Schlinge nach, die ihm irgendjemand um den Hals gemalt hat. Immer noch, bin ich mir nicht sicher ob es als Warnung an mich gedacht ist, oder ob es sich nur um einen Scherz handelt.  Er tut mir leid, dieser Clown. Was ihm widerfahren musste. Zuerst habe ich ihn verunstaltet, habe ihm sein Lachen genommen und sein Augenlicht, und nun hat ihn auch noch jemand zum Tode verdammt. Ob ich ihn erlösen soll? Er ist wie ein Freund für mich geworden. Auch wenn er nicht echt war, so hat mich seine Anwesenheit vergessen lassen, dass ich hier ganz alleine bin. Er war wie ein Haustier, ein Fisch vielleicht, das man beobachtet und sich doch nicht wirklich damit beschäftigt. Eigentlich ist er es immer noch- aber es ist Zeit Abschied zu nehmen.

Ich reiße ein paar unbeschriebene Seiten aus meinem schwarzen Buch heraus, knülle sie zusammen und lege sie in einen großen Topf um sie anzuzünden. Dann lege ich den Clown darauf. Sehr schnell verfärbt sich sein Körper braun, wird von den Flammen durchstoßen und er zerfällt zu Asche. Manchmal muss man loslassen, muss sich von Dingen trennen, die man lieb gewonnen hat, so sehr es auch schmerzt.  Ich bin den Tränen nahe und rede mir immer wieder ein, dass es nur ein Bild ist, das ich den Flammen opfere. Er ist nicht echt, spürt keinen Schmerz, weiß nichts von seiner Vergänglichkeit. Die Flammen züngeln sich durch seine Augen, gleich ist es so weit, dann ist er verschwunden, du nichts von dem was er war ist das noch. Der Kleber mit dem ich die Puzzelteile zusammen geklebt habe stinkt beim verbrennen, für mich wird dies der Geruch des Todes, der Geruch des Abschieds, aber auch des Neubeginns. Ich vernichte den letzten Freund, der mir geblieben ist, nun bin ich wirklich ganz alleine.

Die Flammen erlöschen und es bleibt nur noch Asche zurück. Ich öffne mein  Fenster und schütte sie heraus, der Wind trägt sie davon. Ich finde, wenn man schon einen Freund verliert, dann sollte es auch pathetisch sein. Der Tod ist schon immer ein mystisch gewesen, und auch wenn es nur Dinge sind, die ich getötet habe, Farben und Linien auf Puzzleteilen,  muss ich ihre  Vergänglichkeit zelebrieren.

Nachdem ich den Topf abgewaschen habe sitze ich lange am Fenster und blicke in die Nacht hinaus. Von unten klopft es wieder. Ihr seid gar nicht da, wollt mich nur locken, denke ich mir und stecke mir traurig eine Zigarette an. Allmählich steigt die Einsamkeit in mir auf. Immer wieder wandert mein Blick zu der leeren Stelle an der Wand, wo vorher noch der Clown hing. Jetzt ist er weg, ich wollte es so und vielleicht ist es besser. Es dauert wohl noch ein paar Stunden bis zur Dämmerung, ich sollte etwas Sinnvolles tun, doch mir fällt nichts ein.

Ich bin vollkommen in meinen Gedanken verloren, da höre ich, dass sich jemand an meiner Wohnungstür zu schaffen macht. Geschockt schrecke ich auf, und wende langsam meinen Kopf zur Tür. Bei dem Geräusch von Metall das auf Metall trifft, ist allzu vertraut und mir dreht sich der Magen dabei um. Jetzt ist es soweit. Kein falscher Alarm, kein Hirngespinst- jemand dringt hier gerade ein, und ich bin ganz alleine. Das Messer liegt neben mir auf dem Schreibtisch, ich greife danach und erhebe mich langsam. Sie denken vielleicht, sie können mich im Schlaf überraschen. Aber ich schlafe nicht, bin hellwach und suche nach einem Versteck. Die Überraschung wird auf meiner Seite sein. Ich verstecke mich in meinem Kleiderschrank, zwänge mich zwischen die Bügel, auf denen Hemden und Jacken hängen, und schließe die Tür hinter mir. Nur einen Spalt lasse ich geöffnet, damit ich sehen kann, wer meine Wohnung betritt. Ich habe das unbehagliche Gefühl, dass es mir nicht gefallen wird.

TAG 31

Posted in Die Fünfte Woche on 22 März, 2008 by Limbo

Ich habe Alpträume. An keinen davon kann ich mich erinnern. Immer wieder schrecke ich aus meinem Schlaf hervor, der fest ist, aber nicht erholsam. Ich genieße die kurzen Wachphasen, auch wenn ich immer eine Weile brauche bis ich mich von meinen Träumen erholt habe, so ist doch alles was wahr ist egal. Die Realität erscheint mir so nutzlos in den Augenblicken in denen ich wieder versuche ihr zu entgleiten. Es könnte passieren was will, es kümmert mich schlichtweg nicht.  

Und so zieht der Tag an mir vorbei. Wenn ich aufwache kann ich jedes Mal, kurz und ungefähr, die Tageszeit feststellen, nur um mich dann wieder umzudrehen, hier auf den kalten Dielen, und weiter zu schlafen.

Als schon wieder der Abend dämmert, raffe ich mich mühselig auf um in mein Bett zu gehen, mir tut der Rücken weh. Es ist als würde ich all den Schlaf der mir fehlt innerhalb eines einzigen Tages aufholen. Und auch wenn ich befürchte, mein Schlafrhythmus könnte sich so verändern, dass ich kein Tageslicht mehr zu Gesicht bekomme, gelingt es mir nicht mich zu zwingen wach zu bleiben.

Es ist als würde ich einfach so verschwinden, mich auflösen und selber Teil meiner Träume werden. Der Schrecken dieser engen Wände, meine Angst- all dem kann ich mich auf diese Weise entziehen. Ich wünschte, ich könnte ewig schlafen, friedlich wie ein Kind, bis das alles hier vorbei ist. Bis irgendwann die Sonne aufgeht und ich wieder der bin, der ich einmal war. Ich glaube, ich habe mich verloren. Ein Teil von mir ist fort, ich weiß nicht wohin. Ohne diesen Teil bin ich verloren.  

TAG 30

Posted in Die Fünfte Woche on 21 März, 2008 by Limbo

Ich beginne zu schwitzen, als sich meine Hand um die Türklinke legt. So muss es sich anfühlen, wenn ein zu Tode Verurteilter seinen letzten Gang antritt, oder wenn sich ein russisch Roulette- Spieler die Waffe an die Schläfe setzt, wissend, dass die Kugel in der nächsten Kammer schlummert. Doch eigentlich bin ich noch ganz ruhig. Ich zittere nicht, meine Atmung ist normal. Ich drücke die Klinke nach unten, öffne die Tür und blicke durch den Spalt in das Gesicht von Frau Soundso. Sie ist eine ältere Dame, Anfang 60 vielleicht, aus dem ersten Stock. Wie sie genau heißt, weiß ich nicht, ich habe es mir nie merken können, aber schon bei unserer ersten Begegnung nachdem ich hier neu eingezogen war, wusste ich, dass ich sie nicht mag. Ich glaube es beruht auf Gegenseitigkeit. Sie ist der Stereotyp eines Hausdrachen, stets an allem Interessiert, was die anderen Mieter tun, wo sie arbeiten, worüber sie sich streiten- im Grunde alles das, was auch aus mir geworden ist, was meine neuen Nachbarn anbelangt. Ich muss darüber lächeln und wünsche ihr einen guten Morgen. Sie erzählt mir, dass ich bereits letzte Woche an der Reihe gewesen sei, den Hausflur zu wischen, dass sie es jetzt übernommen habe, mich aber bitten würde, es im Laufe der Ostertage zu erledigen. Jetzt erst fällt mir ein, dass wir Ostern haben, schon seltsam. Die christlichen Feiertage vergesse ich immer. Ich nickte ihr zu, versuche mich für alles, was sie zu meckern hat zu entschuldigen du verspreche meine Aufgaben zu erledigen. Ich lüge, einen Teufel werde ich tun, aber ich will sie loswerden. Diese Frau ist dermaßen penetrant, dass ich mir manchmal einfach wünsche, ihr Schädel würde explodieren. Das Küchenmesser verstecke ich hinter meinem Rücken, ich merke wie sie immer wieder versucht in meine Wohnung zu spähen und bin mir sicher, dass sie irgendetwas mitbekommen hat. Sei es nun von meinen Nächtlichen Ausflügen in andere Wohnungen, oder davon, dass ich mit Möbeln meine Wohnungstür verbarrikadiere. Wäre sie nicht ein so unausstehlicher Mensch, würde ich sie hereinbeten, mit ihr einen Kaffee trinken und sie nach den neuen Nachbarn ausfragen- sie würde garantiert etwas wissen, das mir weiter helfen könnte.

Sie redet und redet, ich nicke und nicke, entschuldige mich vielmals, mache meine Versprechungen- dann endlich dreht sie sich um zu gehen. Ich rechne fest damit, dass sie noch einmal stehen bleibt, sich zu mir umdreht und einen Satz mit: „Ach, noch etwas“, beginnt- aber sie tut es nicht. Sie stampft die Stufen herunter, in ihrem Gesicht kann ich einen gespielten Ekel über das verdreckte Treppenhaus ablesen. Dabei war sie es doch selber, die noch vor einigen Tagen hier gewischt hat. Ich kann sie nicht ausstehen. Meine ganze Anspannung war mal wieder umsonst. Katharsis hat Aristoteles das genannt, mir scheint die Reinigung der Seele verwährt zu bleiben. Es ist als würde ich durch ein Labyrinth irren, in dem jeder Gang durch eine Tür miteinander verbunden ist. Hinter einer der Türen liegt die Freiheit, bewacht von einem hungrigen Löwen. In der Gewissheit für sie Kämpfen zu müssen bereite ich mich vor dem Öffnen jeder Tür auf einen Kampf auf Leben und Tod vor, doch alles was mich dahinter erwartet sind nur weitere Gänge, die sich verwinkelt bis in die Unendlichkeit erstrecken.

Ich bin so schrecklich müde. Mit meinen letzten Kräften schiebe ich die Kommode wieder vor die Wohnungstür, und lasse mich auf den Boden sinken. Mir fallen die Augen zu. Die Müdigkeit wird mich überwältigen, es ist müßig sich jetzt noch dagegen zu wehren und irgendwie ist es mir auch egal. Ich lasse mich einfach hinab gleiten, das Messer rutscht mir aus der Hand und ich merke, wie sich die Realität allmählich verflüchtigt.

TAG 29

Posted in Die Fünfte Woche on 20 März, 2008 by Limbo

Es gelingt mir nicht einzuschlafen. Mein Körper ist völlig entkräftet und verlangt nach Schlaf, doch jedes Mal wenn ich meine Augen schließe schrecke ich auf. Die Wände, die Decken, meine Möbel, alles macht Geräusche- ich weiß nicht warum- und mir scheint, als kann ich ein Scharren an meiner Wohnungstür hören.

Kurz vor Morgengrauen stehe ich noch einmal auf und koche mir einen Kaffee. Ich schiebe den Schreibtisch zur Seite und schleiche mich aus meinem Schlafzimmer. Allmählich fühle ich mich wie ein Eindringling in meiner eigenen Wohnung. Ich schmiere mir ein Brot, damit ich wenigstens etwas essen, doch schon beim ersten Bissen wird mir so schlecht, dass ich es wieder ausspucke. Ich muss hier verschwinden, egal wohin, aber ich muss raus, so schnell wie möglich. Von dem Geld, das ich gespart habe, könnte ich eine Weile verreisen, doch ich wüsste nicht wohin.

Ich nippe gerade an meinem Kaffee, als es klopft. Von unten dröhnt es durch meinen Fußboden, wieder das Notsignal, energisch, betäubend. Gerne würde ich schreien, ihnen sagen, sie sollen aufhören, aber ich kann es nicht, kein Ton will aus meiner Kehle dringen, lediglich ein Krächzen gebe ich von mir. Mir steigen Tränen in die Augen und ich sinke verzweifelt in der Küche zusammen. Warum hat das alles begonnen? Warum quälen sie mich? Was habe ich denn getan? Einen kurzen Augenblick denke ich an Selbstmord, als ich auf das Messer in meiner Hand blicke, stelle  mir vor, wie schön es wäre Ruhr zu haben, das alles zu beenden, aber das ist nicht der Weg- das kann es nicht sein. Ich muss einfach nur fort von hier.

Von unten klopft es unaufhörlich weiter. Hört doch bitte auf, ich flehe euch an! Ich versuche mich wieder zu fangen, gegen die Angst anzukämpfen, gegen die Verzweiflung, gegen alles, was mich so quält. Dann erst bemerke ich, dass das Klopfen gar nicht von unten kommt. Es ist hier, genau hier, an meiner Wohnungstür. Sie sind da!

Ich schlucke, wische mir die Tränen aus dem Gesicht, atme tief durch, umgreife den Griff des Messers fester. Dies ist die Entscheidung. Ich bin bereit mich zu fügen. Irgendwer hämmert an die Tür und ich schiebe die Kommode zur Seite, komme was wolle.