Archive for the Die Dritte Woche Category

TAG 21

Posted in Die Dritte Woche on 12 März, 2008 by Limbo

Vermutlich wäre es auch zu vermessen gewesen gleich zwei sonnige Tage hintereinander zu erwarten. Natürlich ist der Himmel verhangen, und natürlich regnet es heute und natürlich sitze ich in meiner Küche und langweile mich. Das einzige auf das ich mich Tag für Tag freue ist mein Kaffee am Morgen. Schon abends kriege ich Lust darauf, trinke aber keinen und freue mich somit nur noch mehr auf die erste Tasse nach dem Aufwachen.

Müde schaue ich aus dem Küchenfenster und zähle die Regentropfen an der Scheibe- natürlich ohne sie wirklich zu zählen. Immer wieder vergesse ich, wo ich war und beginne dann von neuem, nachdem mein Blick einem Tropfen folgt, der das Fenster hinunter rinnt und sich auf dem Weg verliert. Es hätte so schön sein können.

Draußen beobachte ich einen Vogel, der gegen den Sturm kämpft. Er kommt kaum dagegen an, es sieht als, als würde er auf der Stelle fliegen, aber er hört nicht auf. Er könnte irgendwo landen, abwarten, doch er fliegt immer weiter- was soll er auch anderes tun?

Ich beschließe ein Bild zu malen. Ich bin mir sicher, dass man es lernen kann, je mehr man zeichnet, desto besser gelingt es einem.

Nach zwei Stunden gebe ich es auf und entscheide mich zu schreiben. Es ist frustrierend die Bilder fertig im Kopf zu haben und nicht auf das Papier übertragen zu können. Es ist als wären die Hände kein Teil des Körpers, so als würden sie einfach tun, was sie wollen.

Heute wird es sehr früh dunkel. Ich habe keine Lust Kerzen anzuzünden, deswegen nutze ich zum ersten Mal seit langem normales Licht. Doch auch das Schreiben fällt mir heute nicht leicht. Immer wieder schweifen meine Gedanken ab, nach draußen, in den Park und ich denke daran, wie herrlich es wäre wieder auf der Wiese in der Sonne zu liegen.

Meine Gedanken werden jäh unterbrochen, als ich der Meinung bin von unten etwas zu hören. Allmählich bin ich wirklich genervt von diesem ewigen hin und her. Es kommt mir vor wie ein schlechter Film mit zu vielen Handlungssträngen. Immer, wenn er interessant zu werden scheint, hört es auch schon wieder auf, nur um etwas später wieder von vorne zu beginnen. Es ändert trotzdem nichts daran, dass mein Interesse geweckt ist. Ich lasse meinen Stift sinken und lausche. Es klingt benahe wie ein Wimmern, aber ich bin mir nicht ganz sicher, es ist zu leise. Einige Minuten sitze ich ganz still da und horche. Doch es hat keinen Sinn. Wie oft habe ich hier schon verzweifelt versucht herauszufinden, was sich dort unten abspielt? Wie tief will ich mich da noch selber hinein reißen?

Ich mache Musik an, die ich recht leise laufen lasse, die jedoch trotzdem jedes andere Geräusch erstickt und greife erneut nach meinem Stift. Sollen die da unten doch treiben was sie wollen. Es geht mich nichts an. Ich muss lernen die Probleme zu bewältigen, die ich mit mir selber habe, bevor ich mich um andere kümmere, sonst ende ich noch wie eine dieser Hausfrauen, die zwar jedes schmutzige Geheimnis der gesamten Nachbarschaft kennt, jedoch selber jeden Abend  eine Flasche Rotwein trinkt und von Depressionen zerfressen wird.

 

Als ich spät in der Nacht die Musik abdrehe und mich ins Bett lege ist das Wimmern- oder was auch immer es ist- noch immer zu hören. Ich stopfe mir die Watte in den Ohren, die ich immer noch, wegen der Hämmerattacken, auf meinem Nachtisch liegen habe. Bevor ich einschlafe rede ich mir ein, dass es nur mich gibt. Nur mich. Nur mich.

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TAG 20

Posted in Die Dritte Woche on 11 März, 2008 by Limbo

Heute ist es angenehm mild draußen, die Sonne lacht von einem strahlend blauen Himmel hinab. Bereits kurz nach dem Aufstehen klingelt mein Telefon. Es ist Markus, der sich mit mir im Park treffen will. Einen Moment lang zögere ich, aber ich fürchte mich nicht mehr. Was unter mir geschieht ist mir mittlerweile gänzlich egal und sollte ich dem Riesen begegnen, und sollte er mir unerklärlicherweise etwas anhaben wollen, dann soll es wohl so sein. Ich werde aufhören mich meinem Schicksal zu entziehen. Sich immer hinter seiner Furcht zu verstecken kann nicht die Lösung sein. Trotzdem werde ich die Treppen heute wieder herunter rennen- ich muss das Unheil ja nicht herauf beschwören.

Wir verabreden uns für den Nachmittag, und da es schon recht spät ist, muss ich mich mit dem Duschen beeilen.

 

Recht einsam erstreckt sich der Park vor mir. Die Sonne scheint, wie seit Monaten nicht mehr, und trotzdem ist niemand auf den Straßen. Das Zwitschern der Vögel aus den Bäumen habe ich noch nie so laut wahrgenommen wie heute. Ungestört von Verkehrsgeräuschen, von spielenden Kindern und den Unterhaltungen der Erwachsenen können sie ihre Lieder singen.

Ich bin etwas spät dran, Markus liegt bereits auf der Wiese, ein Bier in seiner Hand. Ich setze mich neben ihn und ziehe meine Jacke aus. Wir nicken uns zur Begrüßung nur kurz zu und sagen kein Wort. Es gibt Tage die fühlen sich anders an, nicht befremdlich, doch unterscheiden sie sich von den übrigen. Sie tragen eine ganz besondere Stille in sich, in der jedes Wort, das man spricht überflüssig wäre. Wir sind hier um die Sonne zu genießen.

Ich fühle mich gut, diese Wärme auf meiner Haut zu spüren, den Duft des Frühlings in meiner Nase zu haben. Langsam entgleite ich, lege mich auf den Rücken, verschränke die Arme hinter dem Kopf und blicke in das tiefe Blau des Himmel- schließe meine Augen.

Ich muss kurz eingenickt sein, denn als ich sie wieder öffnet, wird mein Blick auf den makellosen Himmel von Markus verdeckt, der vor mir steht sich gerade seine Jacke anzieht. Fragend schaue ich ihn an. „Arbeit“, sagt er nur und verschwindet. Das war unser Treffen. Ich bleibe noch ein wenig auf der Wiese liegen, schaue mich um, und kann niemanden sehen. Auf einmal wird es beinahe etwas gespenstisch, alleine in diesem riesigen Park zu sein, aber vielleicht haben sie alle zu tun. Zu lange habe ich niemanden mehr im Freien gesehen, als dass mich das noch kümmern könnte.

 

Auf dem Nachhauseweg kaufe ich mir eine Cola im Supermarkt. Die Schlangen an den Kassen sind mal wieder unendlich lang. Wo kommen diese Menschen nur immer her, wenn man sie nirgendwo sieht? Es scheint als würde sich niemand mehr von A nach B bewegen, dort wo man ist, tauchen sie einfach auf. Sie kommen ohne einzutreten, verschwinden ohne zu gehen. Es gibt kein flüchtiges Begegnen mehr. Entweder sie sind da oder nicht. Existieren oder sind nicht da.

 

Wieder stürme ich die Treppen bis zur meiner Wohnung herauf, und glücklicherweise wieder ohne Zwischenfall. Keine Begegnung, kein Sturz- der perfekte Abschluss eines perfekten Tages.  

Zum Abendessen habe ich Maccheroni mit Käse, danach falle ich müde in mein Bett. Der Tag, obwohl er so ruhig war, hat mich irgendwie erschöpft. Vielleicht ist es die Sonne, die macht einen träge. Vor dem Einschlafen lasse ich ihn noch einmal Revue passieren, lächle zufrieden und hoffe, dass auch morgen die Sonne wieder scheint.

Langsam habe ich wirklich das Gefühl, dass es wieder bergauf geht.

TAG 19

Posted in Die Dritte Woche on 10 März, 2008 by Limbo

Wenn mir nicht bald etwas einfällt, werde ich hier zugrunde gehen. Da hilft es auch nicht, dass es heute etwas wärmer geworden ist und die Sonne sich allmählich wieder hinter den Wolken hervor wagt. Mir geht das Essen aus, ich habe kaum noch etwas da. Schon seit den frühen Morgenstunden bin ich wach und hungrig. Ich durchstöbere meine Wohnung, aber es ist nichts zu finden, ich werde einkaufen gehen müssen, es hilft alles nichts. Immer wieder lausche ich, ob von unten etwas zu hören ist. Wenn ich nur wüsste, dass der Riese nicht da ist, das würde es bedeutend einfacher für mich machen.

Ich habe mir meinen Mantel angezogen, den ich das letzte Mal vor zwei Jahren getragen habe, sogar einen Hut habe ich aufgesetzt um mich zu tarnen- ich sehe ziemlich bescheuert aus. Mehrere Stunden verharre ich in dieser Maskerade vor meiner Wohnungstür und warte auf den passenden Moment. Den Moment in dem es mir egal ist, was eventuell passieren könnte. Ich entschließe mich, meiner Angst nicht mehr zu trauen und es verschafft mir einen Augenblick die Sicherheit, die ich benötige. Ich trete auf den Hausflur hinauf, atme tief ein und laufe los. Ich jage die Treppen herunter, stürze durch die Haustür und renne die Straße herunter. So als würde ich verfolgt werden, wage ich es nicht hinter mich zu blicken und werde erst langsamer als der Supermarkt in Sichtweite ist. Heute habe ich vorgesorgt, habe eine Tasche und meinen Rucksack dabei. Damit bin ich nicht nur beweglicher und schneller, ich bin mir auch ziemlich sicher, dass sie nicht wieder im Hausflur reißen werden.

Ich kaufe meine üblichen Rationen an Fertiggerichten und mache mich wieder auf den Heimweg. An der Ecke zu der Straße in der ich wohne bleibe ich stehen. Sie ist so leer und verlassen, wie sie nur sein kann. Trotzdem kostet es mich einige Zeit, bis ich mich traue die letzten Meter bis zur Haustür zu gehen. Als ich den Schlüssel in das Schloss stecke und ihn so leise wie möglich herumdrehe, bereite ich mich auf einen erneuten Spurt vor. Ich kann mir dieses Mal keine Fehler erlauben, aber es wird auch nicht passieren. Ich bin vorbereitet. Leise und vorsichtig, fast unhörbar, schließe ich die Haustür hinter mir, dann renne ich wieder. Ich nehme 3 Stufen auf einmal, diesmal passe ich auf, dass ich nicht ausrutsche. Die Erinnerung an meinen Sturz ruft wieder leichte Schmerzen in meinen Rippen hervor, aber es heilt gut, ich merke es kaum noch. Vor der Wohnung der neuen Nachbarn jagt mir ein eisiger Schauer über den Rücken, mein Blick schweift kurz über das, immer noch nicht vorhandene Klingelschild, aber ich versuche das alles zu ignorieren bis ich vor meiner Wohnungstür stehe. Erst als ich sie hinter mir schließe kann ich lächeln und erleichtert aufatmen. Es hat funktioniert.

Sofort beginne ich damit meine Einkäufe auszupacken und zu frühstücken. So hungrig wie heute war ich schon lange nicht mehr, man sollte so nicht leben müssen.

Den Rest des Tages verbringe ich auf meinem Bett sitzend, einen Tennisball immer wieder gegen die Wand werfend. Es hat eine hypnotisierende Wirkung auf mich, nach einer Weile wirft man immer auf die gleiche Weise, die Flugbahn des Balls ist bekannt und verändert sich fast gar nicht. Ich werde ganz ruhig.

Es ist schon spät in der Nacht, als ich meinen Kopf endlich auf die Kissen lege, der Wind weht stark und drückt gegen meine Fenster. Mit einem Mal denke ich, von unten wieder etwas zu hören. Ganz leise und undefinierbar. Leider ist der Wind zu laut. Die Augen weit aufgerissen liege ich in meinem Bett und halte die Luft an, hoffe, dass der Wind abflacht, einen Moment nur. Und dann geschieht es. Jetzt werden die Geräusche deutlicher. Sie kommen eindeutig von unten- wie lange habe ich nichts mehr von dort gehört? Und jetzt? Was ist es? Es kostet mich einige Zeit um es zu identifizieren. Glücklicherweise bleibt der Wind draußen schwach. Da weint jemand. Ich bin mir ganz sicher, dass es ein Weinen ist, aber es ist nicht das Kind. Ich hätte es auch mitbekommen, wenn es jemand zurück gebracht hätte. Ein Schluchzen. Die Frau! Ich richte mich halb auf. Sie weint- sehr leise zwar, aber ich höre es. Sie muss sich direkt in dem Zimmer unter mir befinden. Dann beginnt der Sturm wieder. Langsam lege ich mich wieder hin, meine Müdigkeit ist verflogen. Menschen weinen nun mal, versuche ich mir einzureden, dennoch bleiben meine Gedanken bei ihr. Was geschieht dort nur? Ich würde ihr gerne helfen, aber was kann ich schon tun? Es dauert eine ganze Weile, bis meine Müdigkeit wieder zurück kehrt- und der Wind er weht, donnert gegen meine Fenster, die Nacht wird trüber- und ich weiß, sie ist immer noch da unten und weint.

TAG 18

Posted in Die Dritte Woche on 9 März, 2008 by Limbo

Manchmal habe ich Angst unsichtbar zu werden. Das ist gar nicht so abwegig, wie es vielleicht im ersten Moment scheinen mag. So etwas passiert andauernd. Menschen, Dinge, Emotionen- alles verschwindet irgendwann. Wenn man aufhört es wahr zu nehmen beginnt es zu verblassen und irgendwann ist es weg. Ich habe mich in letzter Zeit zurückgezogen, habe keine Lust auf Menschen, sie langweilen mich, ich selber langweile mich entsetzlich.  Der Gesichtlose im Spiegel, das bin nicht ich. Er ist nur noch ein Schatten von mir, die Person, die ich nie sein wollte, der Mensch, der ich geworden bin- vermutlich soll es so sein und ich hatte nicht mal eine Chance mich dagegen zu wehren.

Dieser Zustand macht mich nicht unglücklich, hin und wieder gibt es nicht schöneres für mich, als auf dem Bett zu liegen und an die Decke zu schauen, aber ich merke, dass es mich unzufrieden macht. Manchmal überlege ich, was wäre gewesen wenn… wenn, ja was eigentlich? Wenn alles anders verlaufen wäre?

Nach meiner gestrigen Freude über die reparierte Heizung bin ich heute in ein tiefes Loch gefallen und weiß nicht warum. Manchmal hilft es alles nichts. Ich könnte den ganzen Tag damit verbringen mich selbst zu bemitleiden, ich könnte hier sitzen und in Gedanken versunken ins Leere starren, aber ich weiß, dass ich mich dadurch nur noch tiefer in mein Elend manövriere.

In der obersten Schublade meines Schreibtisches liegt immer noch mein kleines schwarzes Buch, in das ich meine Gedanken schreibe. Es sind Kritzeleien, nichts von Wert, aber meistens hilft es das aufzuschreiben, was einen berührt. Dabei ist es egal, wie sorgfältig man seine Worte wählt. Und auch wenn ich in den Meinen in letzter Zeit keine Kraft mehr sehe, ihnen nicht die geringste Bedeutung beimesse, reinigt es mich zu schreiben. Ich versuche ein Bild zu malen, von dem inneren Kampf, der in mir tobt. Es ist mir egal, ob ich dabei zu pathetisch klinge.

Ich habe lange nicht mehr geschrieben und anfangs tue ich mich noch sehr schwer, aber je mehr Worte ich auf das Papier bringe, desto besser geht es. Ich gerate in einen Schreibfluss, aus dem ich erst gerissen werde, als ich merke, dass es bereits zu dunkel im Zimmer wird.

Auch wenn es wohl nutzlose Worte waren, für heute haben sich mich vor mir selbst gerettet.

Ich stehe noch eine ganze Weile an meinem Fenster und schaue nach draußen, der Himmel klart ein wenig auf. Allmählich kann ich vergessen.

Für die anderen werde ich unsichtbar, für mich diese ganze Stadt. Die Wände, die Häuser, die Straßen, ja sogar die Zeit- alles beginnt sich aufzulösen, es hat längst keine Bedeutung mehr. Irgendwann wird das alles einfach verschwunden sein. Wie ein Gestrandeter werde ich inmitten des Nichts stehen. Vielleicht werde ich es schaffen, vielleicht werde ich den Kampf gegen die Einsamkeit nicht gewinnen, gegen mich selber verlieren, wie es schon zu vielen passiert ist. Aber man kann es nie wissen und die Zukunft war schon immer düster.

Ich liege auf meinem Bett. Um mich herum ist Dunkelheit und nichts als Dunkelheit. Ich atme Dunkelheit, schmecke Dunkelheit- bis ich selbst zur Dunkelheit werde.

TAG 17

Posted in Die Dritte Woche on 8 März, 2008 by Limbo

Heute ist ein denkwürdiger Tag. Als ich am Morgen in der Küche saß und meinen Kaffee trank, klingelte es. Mein Herz setzte kurz aus, so erschrocken war ich. Ich schaute aus meinem Fenster auf die Straße, aber dort konnte ich niemanden sehen. Ich fragte mich, ob es vielleicht Markus mal wieder sein könnte, um mich zu besuchen, aber warum sollte er zwei Mal binnen kürzester Zeit zu mir kommen? Dann klingelte es wieder. Allmählich brach mir der Schweiß aus. Ich konnte mich nicht entscheiden, ob ich die Tür öffnen sollte oder nicht. Dann jedoch war es wieder still. Im Treppenhaus konnte ich Schritte hören, die jedoch nicht zu mir hinauf kamen.

Ich habe mich wieder an meinen Küchentisch gesetzt und eine Zigarette geraucht. Zwanzig, vielleicht dreißig Minuten später klopfte es. Ich dachte mir: Jetzt ist es soweit. Rechnete fest damit, dass meine Wohnungstür gleich eingetreten werden würde, doch stattdessen klopfte es erneut. Wie gebannt stand ich vor der Tür, meinen Mund halb geöffnet, nicht wissend, ob ich es wagen sollte zu sprechen, oder mich einfach tot stellen sollte. Dann nahm ich allen Mut zusammen- ein zaghaft gefragtes „Hallo“, entwich meiner Kehle.

Eine Männerstimme antwortete mir. „Firma XY, wir sind hier, um nach ihrer Heizung zu sehen.“

Ich konnte es kaum glauben. „Einen Moment bitte“, rief ich aufgeregt zurück und machte mich daran, die Kommode von der Tür weg zu rücken.

Ein älterer Herr im Blaumann stand mir gegenüber. Er nickte mir zur Begrüßung kurz zu und durchstrich dann alle Räume meiner Wohnung und schraubte an den Heizungen herum. Irgendwas von der Zentralheizung im Keller sagte er noch, mit dem ich nichts anfangen konnte. Er erwähnte hämmernde Geräusche, die sie verursachte, aber dass er den Fehler behoben hätte und nun wieder alles funktionieren müsse.

Auf dem Flur blickte er auf meinen provisorischen Ofen. „Nette Konstruktion“, sagte er beiläufig und ich bedankte mich für das Kompliment. Schließlich drehte er die Heizung in meinem Schlafzimmer auf, die ein leichtes Blubbern von sich gab. Seine Hand lag ruhig auf der Heizung und er nickte zufrieden, dann verabschiedete er sich.

Ich kann es immer noch nicht glauben. Endlich funktioniert sie wieder, ich hatte wirklich nicht mehr damit gerechnet.

Ich knie im Flur und demontiere meinen Ofen. Er hat eine Menge Dreck verursacht, aber ich habe keine Lust jetzt zu wischen, das werde ich morgen erledigen. Die Heizung in meinem Schlafzimmer drehe ich voll auf, endlich kehrt wieder Wärme in diese Räume ein. Zufrieden setze ich mich an meinen Schreibtisch und lächle dem Clown zu.

Ich bin so euphorisch über meine wieder voll funktionsfähige Heizung, dass ich nicht einmal die Kommode zurück vor meine Wohnungstür schiebe.

An diesem Tag, kann mir nichts mehr meine Freude trüben.

TAG 16

Posted in Die Dritte Woche on 7 März, 2008 by Limbo

Heute bin ich mit dem Puzzle fertig geworden. Sonst war nichts weiter.

Ich bin sehr spät aufgestanden. Noch eine ganze Weile bin ich im Bett liegen geblieben, nachdem ich schon lange wach war und habe vor mich hin gedacht. Es war nichts bestimmtes, ich war mal hier, mal dort, meist an fiktiven Orten- in meiner Schulzeit, wie sie hätte sein können, bei dem schönen Mädchen, in des ich verliebt war, und wie auch sie mich hätte lieben können. Ich war in Wäldern und Parks, die ich in meinem Leben nie gesehen habe, war am Strand. Die Gedanken haben mir geholfen diese furchtbare Stille zu ertragen die überall herrscht. Für einige Augenblicke konnte ich sogar meine Angst vergessen. Es ist nicht so, dass ich andauernd in meiner Wohnung sitze und fürchte es könnte etwas schlimmes passieren, aber hin und wieder durchzuckt es mich wie ein Blitz, dass sich gleich die Tür öffnen könnte und der Riese vor mir stehen könnte- unerwartet. Dann wenn ich am wenigsten mit ihm rechne.

In solchen Momenten hält meine Angst auch eine ganze Weile. Ich will versuchen aufmerksam gegenüber jeder Veränderung, jedem Geräusch, zu bleiben.

Mittlerweile fürchte ich jedes Geräusch, das nicht der Stille entspricht, an die ich mich allmählich zu gewöhnen beginne.

Mein Versuch mich Markus anzuvertrauen ist gescheitert, jetzt gibt es niemanden mehr außer mir. Ich schwimme alleine in diesem Meer der Geräuschlosigkeit, mit der Angst im Nacken. Jeden Moment kann es passieren, aber es geschieht nichts. Nicht das geringste.

Nachdem ich geduscht habe klebe ich das fertig gestellte Puzzle auf eine dicke Pappe und übermale das Gesicht des Clowns mit dem Edding, wie ich es mir vorgenommen habe. Ich stelle es aufrecht auf meinen Schreibtisch und betrachte es eine Weile. Eigentlich würde ich es gerne an die Wand hängen, doch dazu müsste ich Nägel suchen, die irgendwo in den Schubladen meiner Kommode abhangen gekommen sein müssen. Außerdem möchte ich nicht hämmern- dieses Geräusch möchte ich eine Zeit lang nicht mehr wahrnehmen.

Mir tut es leid, dem Clown sein Augenlicht genommen zu haben, dennoch genieße ich meine Macht über ihn in gewisser Weiser.

Die Arme hinter dem Kopf verschränkt sitze ich halb aufrecht auf meinem Bett und schaue ihn an. Irgendwie tut es mir leid, was ich ihm angetan habe- ich beschließe nicht weiter darüber nachzudenken.

Ich versuche zu lesen, aber schon sehr schnell verlässt mich meine Konzentration. Die Augen fallen mir zu und die Buchstaben beginnen vor ihnen zu tanzen. Es ist wohl Zeit zu schlafen. Dieser Tag ist wie so viele einfach an mir vorbei gezogen. Er ist einfach so vergangen, ohne dass ich bemerkt habe, dass er überhaupt da gewesen ist. Ein seltsames Spiel ist das.

TAG 15

Posted in Die Dritte Woche on 6 März, 2008 by Limbo

Es ist nichts passiert. Niemand hat versucht hier herein zu kommen, nicht ein Mal bin ich in der Nacht aufgeschreckt. Ich habe bis zum Mittag geschlafen, der sich seltsamerweise wie ein früher Morgen angefühlt hat. Keine Sonne die scheint, kein Wind der weht- gar nichts. Es fühlt sich an, als würde ich in einer Luftblase leben.

Ich überlege die Kommode wieder an ihren ursprünglichen Platz zurück zu rücken, halte es aber für besser sie dort stehen zu lassen, wo sie sich jetzt befindet.

Gerade als ich den ersten Schluck von meinem Kaffee nehme klingelt mein Telefon. Etwas verwundert nehme ich ab. Ich bin ein wenig aufgeregt, da ich nicht weiß, wer mich anrufen sollte, aber es ist nur Markus. Mir fällt ein, dass er gesagt hatte, er würde sich melden. Natürlich möchte er heute etwas trinken gehen. Am Telefon traue ich mich nicht ihm zu sagen, dass ich mich vor meinen Nachbarn fürchte und deshalb nur ungern meine Wohnung verlassen möchte. Ich druckse ein wenig herum und erkläre ihm dann, dass es mir nicht besonders gut geht. Er findet es nicht schlimm und fragt, ob es mir recht wäre, wenn er vorbei kommen würde.

Der Abend ist sicherlich erträglicher, wenn jemand da ist, also stimme ich zu. Er will Bier mitbringen- dummerweise vergesse ich ihn zu fragen, ob er mir eventuell auch etwas Feuerholz besorgen könnte.

Nachdem ich geduscht habe versuche ich noch einmal ihn anzurufen, aber er ist auf der Arbeit und hat sein Handy ausgeschaltet. Es ärgert mich, denn in meiner Wohnung ist es lausig kalt.

Gegen acht klingelt es. Ich drücke auf den Summer, erst dann mache ich mich daran die Kommode wieder zu verrücken. Markus steht schon längst vor meine Wohnungstür, als ich öffne und mir meine schmerzenden Rippen reibe.

Er fragt mich, was bei mir los sei, dass ich so einen Krach veranstalte. Für einen kurzen Moment zögere ich und will es ihm erklären, dann winke ich nur ab und biete ihm einen Sitzplatz an.

„Verdammt kalt bei dir“, stellt er fest. Ich erkläre ihm, dass die Heizung noch immer nicht funktioniert, dass ich kein Holz mehr habe, zwar versucht habe ihn zu erreichen, sein Handy jedoch aus war. Er blickt auf das Display. „Oh, stimmt. Das habe ich gar nicht gesehen. Tut mir leid.“ Ich antworte ihm, dass es kein Problem sei, dabei kann ich in meinen kalten Fingern kaum die Bierflasche halten.

Wir sitzen eine ganze Weile beisammen, sprechen über Belanglosigkeiten, trinken unser Bier. Ich habe lange keinen Alkohol getrunken und schon nach dem dritten Bier merke ich, wie es mir zu Kopf steigt. Eigentlich möchte ich nicht darüber reden, in gewisser Weise schäme ich mich auch, aber es sprudelt einfach aus mir heraus. Es kommt mir beinahe vor, wie ein Geständnis. Es befreit mich die Dinge auszusprechen, die mich in letzter Zeit so ängstigen, fast so, als könnte ich die Last auch auf ihn übertragen.

Ich erzähle ihm alles. Von den Geräuschen von unten, von dem Riesen, von der Frau, von ihren Streitereien, von der Ruhe, von meinem Sturz auf der Treppe und auch von gestern.

Er hört mir aufmerksam zu, aber ich sehe, wie seine Miene vereist, als ich fertig bin. Er schaut mich verständnislos an. Einmal öffnet er den Mund um etwas zu sagen, ich gespannt auf seine Meinung dazu, aber außer einem Seufzer bringt er nichts hervor. Er blickt zu Boden und fährt sich durch die Haare.

„Willst du mich verarschen?“ fragt er dann. Mehr nicht.

Ich schüttele nur den Kopf. Es scheint als würde er mich gar nicht ernst nehmen. Erst als er wohl bemerkt, wie unbehaglich mir in dieser Situation wird, beginnt er erneut zu sprechen.

„Drehst du durch? Ich meine… komm schon. Du spinnst dir Verschwörungstheorien zusammen. Alles was du mir erzählt hast, wirkt auf mich vollkommen normal. Die Leute sind gerade erst eingezogen, natürlich müssen sie Hämmern. Warst du mal in der Wohnung und weißt wie viel dort zu tun war? Nein. Und dass sich Paare streiten ist auch vollkommen normal. Und das sie das Baby entführt haben- ich bitte dich. Vermutlich war es ihr Bruder, oder seiner und er passt darauf auf. Oder bringt es zu den Großeltern. Und du sitzt hier in deiner Wohnung und verbarrikadierst die Türen, schleichst nachts durch das Haus und spielst Detektiv. Wirklich, du musst hier mal eine Weile raus, das ist alles. Mach dir nicht so einen Kopf darum. Jetzt im Ernst, ich weiß nicht, was ich sonst dazu sagen soll.“

Seine Antwort trifft mich, auch wenn ich mit so etwas gerechnet habe, es stimmt mich nicht zufrieden. Es nimmt mir die Angst nicht, mit der ich zur Zeit lebe. Es war dämlich damit anzufangen, vielleicht kann man es aus den Erzählungen auch nicht verstehen, ich habe mich so kurz wie möglich gefasst, um ihn nicht damit zu langweilen. Ich entschuldige mich bei ihm, sage, dass er womöglich Recht hat, auch wenn ich es nicht glaube und wechsele das Thema.

Danach wir es ein einigermaßen netter Abend. Ich versuche mich abzulenken, aber meine Gedanken, driften immer wieder auf das Thema zurück. Selbst jetzt wo Markus da ist, horche ich hin und wieder ob von unten etwas zu hören ist.

Gegen zwei Uhr in der Nacht, geht Markus dann. Er bedankt sich für den netten Abend und sagt ich solle mir nicht mehr so viele Gedanken darüber machen. Ich verspreche ihn anzurufen und lalle eine Verabschiedung, ich bin ziemlich betrunken.

Dennoch bleibt meine Angst und ich schiebe die Kommode wieder vor die Tür, nachdem ich im Bad war. Es ist eine Möglichkeit mich sicher zu fühlen. Vermutlich hat Markus ja wirklich Recht, mit dem was er sagt. Aber jedes Mal, wenn ich mir versuche das einzureden beschleicht mich das Gefühl, irgendetwas Wichtiges zu vernachlässigen, das ich später einmal bereuen könnte. Erst als die Kommode vor der Wohnungstür steht kann ich mich beruhigt in mein Bett fallen lassen. Der Alkohol zeigt seine Wirkung. In meinem Kopf dreht sich alles. Heute werde ich schlafen können wie ein Stein.