TAG 45- 48 (Das Ende)

Zuerst löse ich die Fessel an meiner linken Hand, dann die an meinen Füßen, nehme die Augenbinde ab. Es ist dunkel im Raum, so dunkel, dass ich nicht einmal die Hand vor Augen sehen kann. Vorsichtig setze ich meine Füße auf den kalten Boden, sie müssen mir meine Schuhe und Socken ausgezogen haben. Von irgendwo dringt sehr schwaches Licht in den Raum, durch einen kleinen Spalt hindurch. Ich bewege mich, sehr schwach auf meinen Beinen, die Knie wollen mir wegknicken, meine Hände zittern, darauf zu. Da ich so gut wie nichts sehen kann taste ich und kann eine Tür erfühlen, einen Griff- ich bete, dass sie nicht verschlossen ist und drücke die Klinge herunter. Die Tür öffnet sich! Das Sonnenlicht springt mich an, wie ein hungriges Tier, ich kneife die Augen zusammen und Wende meinen Kopf zur Seite. Schützend halte ich meine Hand vor die Augen und versuche zu erkennen, wo ich mich befinde. Da ist ein Flur, weitere Türen, alles kommt mir so bekannt vor. Vorsichtig setze ich einen Fuß vor den anderen, bin zu schwach um eine drohende Gefahr abwenden zu können, doch mittlerweile bin ich mir sicher hier ganz alleine zu sein. Eine Tür steht offen, ich gehe daran vorbei, werfe einen kurzen Blick hinein- eine Küche, sperrlich eingerichtet. Ich gehe auf die Tür am Ende des Flurs zu, irgend etwas sagt mir, dass es die richtige ich. Meine Augen schmerzen immer noch, vom plötzlichen Wechsel der Lichtverhältnisse. Erneut drücke ich die Klinke nach unten, doch diese Tür ist verschlossen. Entmutigt sinke ich davor auf die Knie, tiefe Verzweiflung gräbt sich durch meine Eingeweide, alles schnürt sich zusammen, dann entdecke ich, direkt neben mir einen kleinen Beistelltisch, simpel, leer, bis auf einen Schlüssel, der darauf liegt. Ich nehme den Schlüssel, wie in Trance schiebe ich ihn in das Schloss der Tür und drehe ihn herum. Das Schloss springt mit einem lauten Klacken auf- süßer Klang der Freiheit. Ich öffne die Tür. Ein Hausflur, vor meinen Füßen auf dem Boden unzählige Briefe. Ich hebe sie auf, Rechnungen, Mahnungen, Werbung, nichts, was mich interessieren sollte. Dann fällt mir die Adresse auf. Das ist meine Straße, mein Name auf den Briefen. Ungläubig drehe ich mich um. Das hier ist nicht meine Wohnung. Doch bin ich hier schon gewesen. Das Paar, schießt es mir durch den Kopf. Das ist die Wohnung des Riesen und der Frau. Wieso entführen sie mich und halten mich in ihrer Wohnung gefangen?

Die Briefe gleiten mir aus der Hand und fallen zu Boden. Eine dunkle Ahnung beschleicht mich und ich trete in das Treppenhaus, steige die Stufen hinauf, bis ich vor meiner Wohnung angelangt bin. Über der Klingel ein Schild, das nicht meinen Namen trägt. Ich zögere, dann vernehme von innen das Geschrei eines Kindes. Ich drücke auf den Klingelknopf und warte. Innen höre ich, wie jemand in Eile Dinge beiseite stellt und zur Tür kommt. Mein Herz rast vor Aufregung. Die Tür öffnet sich.

Sie schaut mich lange fragend an, so als würde sie mich gar nicht kennen, so als hätte sie mich nie zuvor gesehen. Warum sie mir das angetan haben, möchte ich fragen, warum sie mit mir zu diesem verlassenen Bauernhof gefahren ist, warum man mich einsperrte. Ich beiße mir auf die Unterlippe, die Worte bleiben mir in der Kehle stecken.

„Kann ich ihnen helfen?“ fragt sie. Aus einem der Räume kommt ein Mann, er trägt ein Kind auf dem Arm. „Sie wohnen unter uns, nicht wahr?“ fragt er gleich und lächelt mich freundlich an. Er ist kein Riese, ist kaum größer als ich. Er wiegt das Kind in seinen Armen, und es sabbert ihm seelenruhig auf die Schulter. Beide starren mich an. Ich blicke an mir herunter, barfüßig stehe ich hier vor ihnen. Auf einmal schäme ich mich, drehe mich einfach um und gehe herunter, lese meine Post vom Boden auf und setze mich in die Küche. An der Wand hängt eine billige weiße Uhr, deren lautes Ticken mir auf die Nerven geht. Ich öffne einige der Briefe und lese einige davon. Strom, Miete, alles an mich adressiert. Wie es scheint habe ich seit Monaten nicht gezahlt. Den Strom haben sie mir abgestellt, der Vermieter droht mit Kündigung, sollte ich nicht bis Ende des Monats zahlen. Das ist noch etwas hin, also mache ich mir keine Sorgen darüber. Ich werde mich morgen darum kümmern. Ich gehe zurück in den Raum, in dem ich gefesselt lag. Die Fenster sind mit Brettern vernagelt, wer um alles in der Welt tut sowas? Ein Blick auf meinen Schreibtisch erübrigt die Frage, als ich meinen Hammer darauf liegen sehe.

Der Tisch auf dem ich gefesselt lag ist nicht mehr da. Er ist einfach so verschwunden, nur noch mein Bett steht in der Mitte des Raumes. So als wäre nichts jemals gewesen. Ich krieche auf mein Bett zu, lege mich hin, bin so müde. Bevor ich einschlafe schaue ich lange an die Decke und dann schießt es mir wieder in den Sinn: Wie läuft das, wenn man irre wird? Wacht man dann eines Morgens auf und denkt sich: „Jetzt ist es soweit- ich bin komplett wahnsinnig geworden.“ Oder ist es so, dass man sein Leben ganz normal weiter lebt und nur die anderen für verrückt erklärt?

Meine Atmung beschleunigt sich, vor Schreck wird mir ganz heiß.

Ich schließe meine Augen um dem hier zu entkommen. Ich hoffe, dass dies alles nur ein böser Traum ist, das kann nicht wirklich sein, dass darf nicht wirklich sein.

Um mich herum ist Dunkelheit und nichts als Dunkelheit. Sie legt sich um sie. Um den Stuhl vor meinem Schreibtisch, um die Kerzen, die verloschen in der Ecke stehen. Um die Bilder an der Wand, um die Fenster und kriecht langsam an mein Bett heran. Begräbt meine Füße, die Beine, meine Hände, die reglos neben mir liegen, und fährt in mich hinein. Also schließe ich meine Augen, um selbst zur Dunkelheit zu werden. Ich atme Dunkelheit. Ich schmecke Dunkelheit. Ich bin die Dunkelheit. Und so wie ich selbst bin ist alles um mich herum.

Und ohne, dass ich es herbeisehnen würde, beginne ich zu weinen. Es ist ein Weinen aus Verzweiflung, doch es lindert den Schmerz.

Mühsam erhebe ich mich aus meinem Bett, ich will die Straße sehen, will mehr Licht in diesen Raum bringen. Es kostet mich meine letzten Kräfte die Bretter von den Wänden zu reißen, doch es gelingt mir, gerade so, bevor ich erschöpft zusammensinke. Von der Straße dringen Verkehrsgeräusche zu mir hinauf.

Ich rufe Markus an. Er hat immer gesagt ich soll ihn Markus nennen, bloß nicht Herr Soundso oder gar Doktor. Er sagt immer seine Gruppe solle nicht von der Distanz zwischen Arzt und Patienten leben, sondern gerade aus der Nähe. Wahnvorstellungen seien sowieso ungleich schwieriger zu behandeln, da ihnen eine gewisse Therapieresistenz zugrunde liegt. Er gab mir Medikamente, die ich lange nicht mehr genommen habe. Es ist eine Schmerzliche Wiederkehr der Erinnerung, auf einmal fühle ich mich so unbedeutend und so fremd, so fehl am Platz, wie es nur sein kann. Er sagt, ich solle mich auf den Weg zu ihm machen, damit wir in Ruhe reden können.

Ich dusche mich nicht, ziehe mir nur etwas über und verlasse meine Wohnung. Der Verkehr ist dicht an diesem Tag, ich muss aufpassen um nicht überfahren zu werden, die Sonne strahlt vom blauen Himmel, viele Menschen sind heute unterwegs. Ich warte an der Bushaltestelle und beneide sie darum, wie sorglos sie doch alle sind, wie sie scherzen und lachen können, wie unbekümmert sie doch alles hinnehmen. Als der Bus hält und sich die Tür öffnet zögere ich kurz. Aber nur für einen Sekundenbruchteil. Diesmal, das weiß ich, wird es mir gelingen.

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