Archiv für Februar, 2008

TAG 9

Posted in Die Zweite Woche on 29 Februar, 2008 by Limbo

Sie hören einfach nicht auf. Was bauen sie da unten nur? Nach dem Aufwachen habe ich mich, hinter meinen Vorhängen versteckt, an meinem Fenster aufgehalten und gesehen wie sie weitere Bretter ins Haus getragen haben. Den Riesen habe ich nicht gesehen, es waren vier, mir völlig fremde Männer, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass sie die Bretter in die Wohnung unter mir geschafft haben. Ich versuche mich nicht weiter darum zu kümmern, beschließe ein wenig zu lesen. Meine Stimmung wechselt zwischen völliger Gefühlslosigkeit und einer Betrübtheit, die mich umklammert und in all meinen Handlungen einschränkt. Nicht fähig mich zu konzentrieren, lege ich das Buch beiseite und beginne meine Wohnung aufzuräumen und zu putzen. Neben meinem Ofen hat sich eine Menge Schmutz angesammelt, den ich durch alleiniges Fegen nicht beseitigen kann. Nachdem ich die Dielen im Flur mit einem feuchten Schwamm geschrubbt habe, mache ich mich daran mein Badezimmer zu putzen. Die Fugen neben meiner Dusche sind mit der Zeit ein wenig dunkel geworden. Es treibt mir den Schweiß auf die Stirn, sie zu säubern. An einer Stelle bröckelt durch das starke Schrubben ein wenig Putz ab, den ich versuche wieder in die entstandene Ritze zu drücken, der bei dem Versuch jedoch gänzlich in seine Bestandteile zerfällt. In gewisser Weise fühle ich mich wie eine Hausfrau, die sich darüber erfreut, dass sich ihr Gesicht im Herd spiegelt, als ich voller Stolz mein Werk betrachte.

Am Küchentisch rauche ich eine Zigarette, solange ich darauf warte, dass das Wasser für meine Tütensuppe zu kochen beginnt.

Wenn unter mir nur eine Person hämmert, so ist mir heute aufgefallen, stört es mich gar nicht mehr so. Anstrengend wird es erst dann, wenn drei oder mehr Hämmer, gleichzeitig Nägel in die Bretter treiben. Nun Hämmern sie jedoch nicht nur gleichzeitig, untermalt wird das ganze auch wieder vom Klang der Bohrmaschine. Was bauen sie dort? Seit einer Woche sind sie dort nun beschäftigt, beinahe ohne unterlass. Was dauert so lange? Ich habe sie keine Möbel bringen sehen- sollten sie diese vermutlich alle selber anfertigen? Doch die Bretter waren nicht sonderlich ansehnlich. An einigen blätterte die Farbe ab, andere wirkten modrig- eher wie Speermüll. Aber was bauen sie dann? Wozu brauchen sie all dieses Holz? Sollte das Hämmern und die Bretter am Ende gar nichts miteinander zu tun haben? Vielleicht sind sie auf die gleiche Idee gekommen wie ich und beheizen ihre Wohnung damit. Ich mag mich von der groben Erscheinung des Riesen täuschen lassen, von den finsteren Blicken. Mag sein, dass es sehr nette Menschen sind, nur etwas verschlossen vielleicht. Womöglich bin ich es, der auf sie abschreckend gewirkt hat. Aber was bauen sie dort?

Das Wasser im Topf kocht über, ich schrecke aus meinen Gedanken hervor.

Nach dem Essen versuche ich mich daran in meinem Buch weiter zu lesen, aber auch diesmal gelingt es mir nicht, mich zu konzentrieren. Die Bohrgeräusche haben aufgehört, auch das Hämmern hat auf ein normales Niveau nachgelassen, jedoch höre ich das Kind schreien wie am Spieß. Wieso schafft es seine Mutter nicht, es zu beruhigen?

Es sind zu viele Fragen, die sich mir stellen. Meine Versuche die Geschehnisse dort unten zu belauschen habe ich aufgegeben, obwohl ich auch heute schon das Glas in meiner Hand halte. Es ist sinnlos. Ich werde wohl keine Antwort finden. Das Weinen des Kindes dauert Stunden an, doch als wäre es ein Klang, der mir schon lange vertraut ist, gelingt es mir viel schneller es zu überhören, als das Hämmern.

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TAG 8

Posted in Die Zweite Woche on 28 Februar, 2008 by Limbo

Immer wieder schrecke ich schweißnass aus meinen Träumen hervor, ohne mich an sie erinnern zu können. Es dauert eine ganze Weile, bis ich danach wieder ruhig werde und weiter schlafe. Mal wieder ist mein Schlaf nicht erholsam.

In aller Frühe, schon mit den ersten Lichtstrahlen des Tages, geht das Hämmern wieder los. Es ist ungleich lauter, als die Tage zuvor, was mir beweist, dass sie jetzt im Zimmer direkt unter meinem arbeiten. Immer noch geschwächt von den Ereignissen des gestrigen Tages erhebe ich mich mühsam aus meinem Bett. Mir ist schlecht, ich fühle mich kraftlos.

Es war ein kurzer, guter Augenblick- gestern. Ich hätte dort verweilen sollen. Es ist ein Irrglaube, dass die Dinge besser werden, wenn man weiter geht. Im Grunde führt jedes Ereignis zu einem schlimmeren. Die Zeiten dazwischen sind Momente des Luftholens, die Kraft geben sollen, damit man nicht vollends aufgibt. Vielleicht wird sich irgendwann alles ändern, aber ich glaube nicht, dass ein Mensch dazu die Kraft hat. Wir können nichts bewirken, können nur warten.

Sie hämmern im Akkord und ohne Unterlass, mein Schädel will explodieren. Wieso beschwert sich eigentlich keiner der anderen Mieter- sie müssen es doch auch hören. Von Minute zu Minute wird es unerträglicher. Die Geräusche werden so laut, dass ich nicht einmal das Radio verstehe, das ich es anstelle um mich davon abzulenken. Für gewöhnlich höre ich keine Musik. Ich möchte mir irgendetwas in meine Ohren stopfen, besitze aber nichts, was dazu geeignet wäre. Mein Blick wandert durch mein Zimmer, auf der Suche nach etwas, das sich dafür eignen würde, und bleibt an meiner Bettdecke hängen. Es wäre eine Möglichkeit. Aufgeregt renne ich in die Küche und hole mir ein Messer, mit dem ich sie vorsichtig aufschneide. Ich will sie nicht komplett zerstören, da ich sie noch benutzen will, schließlich besitze ich nur die eine. Das Messer schneidet sich durch den Bezug wie durch Butter und meine Decke gibt ihr weiches Inneres preis. Ich bin froh, niemals eine Daunendecke gekauft zu haben, ziehe die Füllung aus dem Loch und stopfe mir ein wenig davon in die Ohren. Es hilft tatsächlich. Alles um mich herum wirkt jetzt dumpf und fern. Es stellt nicht wirklich alle Geräusche ab, aber wenigstens bin ich so in der Lage einem normalen Tagesablauf nach zu gehen. Ich setze Kaffee auf. Meine Augen brennen, ich bin wahnsinnig müde. Wenn ich doch nur schlafen könnte. Nur eine Stunde, vielleicht auch zwei.

Nachdem ich einen Schluck von meinem Kaffee genommen habe wird mir unheimlich schlecht, ich schaffe es gerade noch rechtzeitig ins Badezimmer und übergebe mich. Zittrig kauere ich vor der Toilette, umklammere die Schüssel fest mit meinen Armen, huste.

Wenn mir jetzt nicht irgendwas einfällt um mich abzulenken werde ich verlieren. Mit der Kraft der Verzweiflung durchwühle ich meinen Schreibtisch, finde ein paar alte Notizen und Manuskripte, blättere sie kurz durch, werfe sie in den Papierkorb, setze mich auf mein Bett und verharre dort, renne erneut ins Badezimmer und übergebe mich, trinke noch einen Kaffee, hole die Blätter wieder aus dem Papierkorb hervor, überfliege sie noch einmal, verstaue sie wieder in einer Schublade- ganz weit unten- so, dass ich sie selber vergesse. Wenn ich Freunde hätte, vielleicht könnten sie mir jetzt helfen. Vielleicht, wenn ich Markus anrufen würde, würde er mit mir hinaus aufs Land fahren. Ich suche nach meinem Telefon und finde es unter einem Berg schmutziger Wäsche. Ich wähle seine Nummer, aber was soll ich ihm sagen? Das ist nicht der Ausweg. Eine Flucht kann keine Lösung sein. Ich lasse den Hörer sinken. Wie automatisch greifen meine Finger nach der Watte in meinen Ohren, ziehen sie langsam hinaus. Ich merke, wie sich wieder Wirklichkeit um alle Geräusche legt, wie das Dumpfe von ihnen weicht. Das Hämmern wird lauter, durchdringender, bebender. Ich lasse mich auf mein Bett sinken und höre ihm zu, wie jemand, der sich hypnotisieren lassen will. Ich bin ein breitwilliges Opfer. Mit offenen Augen sitze ich da, aber ich sehe nicht, drifte davon, das Hämmern nimmt mich ein, umhüllt mich wie eine Seifeblase in der ich davon schwebe.

Erst als es zu dämmern beginnt komme ich wieder zu mir, schrecke aus dem Nirwana, in dem sich mein Geist befand, hervor. Das Hämmern ist verschwunden. Von einem Moment auf den anderen hat es aufgehört und mich aus dem Nichts gezogen. Es ist ungewohnt nichts zu hören, und es hält auch nur einen kurzen Moment. Ich höre das Kind weinen. Heute wirkt es anders auf mich. Ich höre ihm nicht einfach anteilslos zu, es berührt mich, irgendwo tief in meinem Innern. Sein Wehklagen durchströmt mich so intensiv, als wären es meine Tränen, die vergossen würden. Das Gefühl trifft mich so stark, dass ich selber kurz Schlucken muss um meine Tränen zurück zu halten. Dann beginnen sie zu bohren. Es klingt wie ein hohes Kreischen als die Bohrmaschine zum ersten Mal ertönt, der Bohrer wird angesetzt und sein Klang wird immer dumpfer, je tiefer er sich in den Untergrund gräbt. Es fühlt sich an, als würden sie sich aus meinem Kopf heraus bohren, durch meine Stirn platzen, nichts zurück lassen als eine große Leere, ein großes Loch, das nicht gestopft werden kann. Dann ist Ruhe. Und dann wieder Hämmern. Und wieder Bohren. Hämmern und Bohren und Hämmern und Bohren.

Ich lege mich auf den Rücken, stecke die Watte wieder zurück in meine Ohren, liege regungslos da, wie paralysiert. Blind greife ich nach meiner Decke, ziehe sie bis unter mein Kinn hoch und schließe meine Augen.

TAG 7

Posted in Die Erste Woche on 27 Februar, 2008 by Limbo

Meine Wohnung schrumpft. Die Wände rücken näher zusammen, die Räume werden kleiner. Nach dem Aufwachen bekomme ich Platzangst. Ich bin noch eine Weile liegen geblieben und habe nachgedacht, habe mich im Zimmer umgeschaut und plötzlich habe ich das Gefühl von ihm erdrückt zu werden. Ängstlich springe ich auf und irre durch die Zimmer, lasse alle Türen offen stehen, schließe kurz meine Augen, aber nichts ändert sich. Ich stürme zum Fenster und reiße es auf, stecke den Kopf heraus und atme einige Male tief durch. Danach geht es erstmal wieder. Das muss der Stress sein. Diese unaufhörlichen Geräusche, die mich nicht zur Ruhe kommen lassen. Ich war zu lange hier drinnen, war ja klar, dass das kommen musste. Ich frühstücke eilig und ich dusche eilig, will jetzt um keinen Preis Zeit verlieren, ich muss hier raus. Meine Schuhe schnüre ich hastig zu, greife mir meine Jacke und ziehe sie erst über nachdem die Wohnungstür hinter mir ins Schloss gefallen ist. Vor der Tür der neuen Nachbarn bleibe ich wie immer zögerlich stehen, horche, für den Bruchteil einer Sekunde nur, bekomme jedoch Angst ihnen wieder zu begegnen. Die letzten Treppen hechte ich herunter und fühle erst, wie sich die Beklemmung in meiner Brust löst, als ich im Freien stehe. Unwillkürlich muss ich lächeln und ohne darüber nachzudenken laufe ich los. Ich weiß nicht warum, mir ist einfach danach. Ich renne, so als wäre es das normalste auf der Welt. Ich laufe durch die menschenleeren Straßen, vorbei an Cafés in denen niemand sitzt, lasse Kreuzungen hinter mir, an denen die Ampeln nur noch stumm vor sich hin blinken seit sie niemand mehr braucht, überquere Überführungen über den Bahngleisen auf denen keine Züge mehr fahren und bleibe erst stehen, als ich völlig erschöpft bin. Schweiß steht auf meiner Stirn, meine Lungen brennen. Ich stütze meine Hände auf den Knien ab um wieder zu Atem zu kommen. Es tut gut, so hatte ich es nicht in Erinnerung. Ich kann fühlen wie meine Beine vor Erschöpfung zittern und spüre gleichzeitig die ungeheure Kraft mit der das Leben wieder in diese Glieder dringt. So ähnlich muss sich ein Komapatient fühlen, der wieder zu sich kommt. 

Als ich gemächlich weiter gehen will knicken meine Knie kurz weg, ich muss lachen und setze mich einen Augenblick lang auf den Bordstein um wieder Kräfte zu sammeln. Vielleicht war es zu vermessen gleich wieder in die Vollen zu gehen. Es dauert fünf Minuten bis ich aufstehen kann. Ich bin ziemlich weit gelaufen und beschließe wieder zurück nach Hause zu gehen. Dieser kleine Dauerlauf  hat seinen Zweck erfüllt, es reicht für heute.

Eine beachtliche Strecke war es, ich brauche lange bis ich wieder in meine Straße gelange. Ein alter VW Bus parkt vor der Haustür, die offen steht. Ich mache mir keine allzu großen Gedanken darüber und trete in den Hausflur. Mit immer noch weichen Knien steige ich die Treppen hinauf- ich spüre jetzt schon einen kleinen Muskelkater. Ich beiße die Zähne zusammen und nehme Stufe für Stufe für Stufe… und stoße mit etwas monströsem zusammen. Erschreckt blicke ich auf und starre in die schwärzesten Augen, die ich in meinem ganzen Leben gesehen habe. Sie liegen tief in ihren Höhlen umrahmt von tiefen Schatten und buschigen Augenbrauen. Eine breite Nase führt hinab zu fleischigen Lippen. Mein Herz setzt kurz aus und beginnt dann schneller zu schlagen, als mir gewiss wird, dass ich einem meiner neuen Nachbarn gegenüberstehe. Bisher war ich immer auf irgendeine Art abgelenkt, und sei es nur von meinen Gedanken, dass ich sie mir nie richtig angeschaut habe. Doch jetzt, wo ich ihm von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehe, macht es die Sache nicht unbedingt angenehmer für mich. Für einen kurzen Augenblick befürchte ich aufschreien zu müssen, aber meine Kehle ist zu trocken. Er ist ungefähr zwei Meter groß, mit einem mächtigen Kreuz, seine Hände sind so riesig, dass er meinen Kopf mit Leichtigkeit greifen und zerquetschen könnte, wenn er wollte. An dem kleinen Finger der rechten Hand trägt er einen hässlichen Ring mit einem riesigen grünen Stein in goldener Fassung- und ich bekomme Angst als ich das denke, da ich fürchte er kann meine Gedanken lesen, so durchbohrend wie er mich anstarrt. Eine Strähne seines langen, öligen, schwarzen Haares, das er zu einem festen Pferdeschwanz gebunden hat, fällt in sein Gesicht und er lächelt mich an. Doch auch sein Lächeln wirkt weder freundlich, noch beruhigend, es ähnelt mehr dem  Fletschen eines großen Raubtieres, kurz bevor es zur Attacke ansetzt. Es scheint eine Ewigkeit zu vergehen, dass wir uns gegenüber stehen. Wenn er mich jetzt töten sollte, so hoffe ich, dass es schnell geht- und wieder bekomme ich Panik, er könne genau das in diesem Moment in meinen Gedanken lesen. Mein Leben lang habe ich nicht verstanden, wenn Leute von einer dunklen Aura sprachen, jetzt weiß ich genau was sie meinten.

Ich schlucke, versuche mir meine Angst nicht anmerken zu lassen, senke meinen Blick und gehe an ihm vorüber. Nur noch drei Treppen, vielleicht 40 Stufen, dann habe ich es geschafft, dann bin ich in meiner Wohnung. Aber meine Beine tragen mich nur sehr schwerfällig. Durch den Schreck fühlen sich meine Knie noch weicher an als sie es ohnehin schon taten.  Ich versuche mich in meine Gedanken zu retten, an den Strand- das Meer. Eine seichte Brise weht, ja das ist gut. Nur noch 30 Stufen.

Möwenschreie, Muscheln, Sonnenschein.

20 Stufen.

Ich gehe ins Wasser, die Gischt prickelt an meinen Füßen, ich muss aufpassen auf keine spitzen Steine zu treten.

10 Stufen. Ich schwimme. Das Wasser ist ganz warm, ich lasse mich treiben. Plötzlich Schreie vom Strand. Ich drehe mich um, doch ich kann niemanden sehen, die Sonne reflektiert sich zu hell auf dem Wasser, die Wellen sind zu hoch. Etwas packt mein Bein, es hängt fest. Ich versuche mich los zu reißen. Auf einmal ist überall Blut, ich erschrecke und verschlucke mich. Salziges Wasser dringt in meine Lungen, ich huste es heraus. Ich versuche zurück zum Ufer zu schwimmen, doch ich habe nur noch ein Bein, das andere ist nicht mehr als ein Stumpf. Ich spüre keinen Schmerz, nur Blut überall. Ich schreie, aber niemand hilft mir. Dann taucht das Monster aus der Tiefe auf, seine Zähne rasiermesserscharf, kommt auf mich zu, ich bin gelähmt vor Schreck.

Mit zittrigen Händen versuche ich den Schlüssel in das Schloss zu stecken, immer wieder blicke ich mich um, aus Angst er könne mir gefolgt sein. Die Tür geht auf und ich hechte in meine Wohnung. Ich schließe die Tür zwei Mal ab und breche im Flur zusammen. Ich liege auf dem Bauch, alle Viere von mir gestreckt und atme unglaublich schnell. Ich bin verwirrt. Eine solche Reaktion hat noch nie ein Mensch bei mir ausgelöst- ich hätte nicht einmal erwartet, zu einer solchen Reaktion fähig zu sein. Aber diese Augen, als würde man in einen bösen Traum treten, aus dem man nicht erwachen kann.

Später liege ich im Bett, immer noch zittrig und aus dem Dunkel des Raumes starren mich diese Augen an. Sie blicken aus allen Wänden, immer dunkler und dunkler, kreisen um mich, ich falle tiefer in sie, als mir lieb ist. Diese Augen führen mich in den Abgrund und er fletscht seine Zähne.

TAG 6

Posted in Die Erste Woche on 26 Februar, 2008 by Limbo

Mittlerweile fällt es mir gar nicht mehr auf. Für einen kurzen Augenblick, nach dem Aufstehen, dachte ich es sei Ruhe eingekehrt, aber als ich begann mich auf die Geräusche zu konzentrieren nahm ich das Hämmern wieder wahr. Ich schaffe es, es zu ignorieren, habe mich wohl daran gewöhnt, so wie man sich an alles gewöhnt. So sitze ich am Küchentisch, eine Zigarette zwischen meinen Fingern, eine Tasse  Kaffee vor mir und höre nichts. Ich stelle mir immer einen Tag am Meer vor, als Platz meines inneren Friedens. Höre das Rauschen, die Schreie der Möwen, den Schlag ihrer Flügel, die Wellen die brechen und schaumig an den Strand spülen- jedoch sehe ich nichts. Selbst wenn ich meine Augen schließe ergibt sich in meiner Vorstellung kein Bild.

Heute kommt die Sonne mal wieder nicht durch. Der Himmel sieht trüb aus. Keine Sonne, kein Himmel, kein Meer.

Ich frage mich, ob das nur so eine Phase ist, oder ob es das jetzt für mich war. Wird es ewig so weitergehen? Man lebt so vor sich hin. Die Leute sagen immer, es wird wieder besser mit Zeit, irgendwann geht es wieder bergauf, aber irgendwie glaube ich nicht daran.

Aus Langeweile versuche ich ein paar meiner Freunde anzurufen, aber niemand geht ran. Niemand scheint zu Hause zu sein. Wo sind sie nur?

Aus dem Spiegel blickt mich ein Fremder an. Er sieht seltsam aus.

In den Nachrichten heißt es, dass es auch in den nächsten Tagen nicht wärmer wird. Ich lege noch etwas Holz in meinen Ofen, keiner repariert diese Heizung.

Nach einigen Stunden, die ich so rumsitze, kommt es mir gar nicht mehr so unerträglich vor alleine zu sein. Ist das Einsamkeit, wenn man resigniert? Wenn man die Lust verliert sich mit anderen Menschen abzugeben? Wenn man beginnt Stimmen zu hören, die gar nicht da sind? Hin und wieder habe ich das Gefühl, jemand würde mit mir sprechen, manchmal antworte ich. Wenn ich es dann merke muss ich selber lächeln.

In gewisser Weise ist es schade, dass ich die Geräusche von unten nicht mehr wahr nehme, haben sie mich doch zumindest ein wenig abgelenkt. Vielleicht kommen sie wieder, wenn ich mich konzentriere. Ich horche.

Aber im Moment ist es wirklich still. Niemand hämmert. Sie reden, aber das kann ich nicht verstehen. Ihre Gespräche sind uninteressant für mich. Dennoch sind heute mehr Leute dort, als sonst. Ich kann viele Stimmen hören. Wenn ich doch nur ein Wort verstehen könnte. Es ist, als säße ich im Kreise meiner Freunde an einem Tisch, sie würden angeregt sprechen, sich jedoch von mir abwenden und die Musik würde ihre Stimmen übertönen.

Ich hole mir ein Glas aus der Küche und setze es umgedreht auf den Boden. In Filmen machen das die Helden immer, wenn sie die Gespräche aus dem Nebenzimmer belauschen wollen. Wenn sich die attraktive Frau, in die sie sich später verlieben, mit ihrem Freund unterhalten, der natürlich ein ziemlich niederträchtiger Gangster ist. Ein schäbiges Hotelzimmer, in einem miesen Teil einer heruntergekommenen Stadt. Aber es klappt nichtmal halb so gut, wie ich es mir erhofft habe. Entweder bedeutet das, dass ich kein Held bin, oder die Filme haben mich verarscht.

Gelangweilt bleibe ich auf dem Boden sitzen, lehne mich an mein Bett und schnipse Krümel durch den Raum. Irgendwann geht das Hämmern natürlich weiter und ein paar Minuten kann ich mich sogar darüber aufregen, verliere jedoch schnell das Interesse. Ich dusche, mache mir eine Tiefkühlpizza warm, esse, trinke noch einen Kaffee, stehe am Fenster, male ein Bild. Ich kann gar nicht malen. Immerhin habe ich mir ein wenig die Zeit vertrieben.

Noch einmal greife ich zu meinem Telefon, aber schon nachdem ich die erste Nummer gewählt habe lege ich es wieder weg. Mir ist nicht nach Menschen.

TAG 5

Posted in Die Erste Woche on 25 Februar, 2008 by Limbo

Hämmern natürlich. Ich kann es nicht mehr hören. Mein Herz schlägt schon im gleichen Rhythmus. Wenn ich durch die Wohnung gehe kann ich meine Füße nur noch gleichzeitig mit den Hammerschlägen aufsetzen. Mein Kopf erteilt mir schmerzhafte Schübe, jedes Mal wenn der Hammer unten aufschlägt- ein Stechen, dass durch den ganzen Schädel zieht.

Dong! Dong! Dong! Dongdongdongdongdong!

„Schnauze!“ schreie ich und auf einmal ist es ruhig.

Ich lausche. Und es ist wirklich still. Ich lausche und stelle mir vor, dass sie da unten auch lauschen, nicht wissend irgendwas gehört zu haben, die Hämmer in ihrer Hand.

Dong! Dong! Dong!

Verzweifelt lasse ich mich rückwärts wieder auf mein Bett fallen und strampele mit meinen Beinen, wie ein Kind, dem man im Supermarkt die Schokolade nicht kauft.

Was in Gottes Namen bauen sie dort? Was dauert so lange?

Ich schicke Stoßgebete in den Himmel, er möge machen, dass es endlich aufhört. Ich will doch nichts weiter als meine Ruhe haben.

 

Mir ist das Brot ausgegangen. Genau genommen habe ich kaum noch Lebensmittel im Haus. Ich werde einkaufen müssen. Als ich unter der Dusche stehe fällt mir eine seltsam trockene Stelle an meinem Ellbogen auf. Ich beginne daran zu kratzen, dann fängt es an zu jucken und will nicht mehr aufhören- ich pule so lange daran herum bis es blutet und klebe ein Pflaster darauf.

Zum ersten Mal seit einigen Tagen schnüre ich meine Schuhe zu und ziehe meine Jacke über. Raus zu gehen erfordert in letzter Zeit Überwindung, gerade seit es wieder kälter geworden ist. Ein eisiger Wind streift durch die Straßen, in einer Ecke friert sogar ein Hund und frisst aus einer Mülltonne. Eigentlich fehlt nur noch das Titelblatt der Zeitung von gestern, dass durch die Gassen getrieben wird um das Bild perfekt zu machen. Der Weg zum Supermarkt ist nicht weit, trotzdem begegnet mir nicht eine Menschenseele. Auch die Gänge des Supermarks sind wie ausgestorben. Aus den Lautsprechern klingt entspannende Musik, die Waren erstrahlen im Neonlicht. Ich schnappe mir einen Einkaufswagen und decke mich mit einem Vorrat aus Weißbrot, Ravioli aus der Dose und Tütensuppen ein. Die Kassen sind natürlich trotzdem voll. Vor mir steht ein alter Mann, mit hochrotem Kopf, der eine Flasche Korn mit einem Leergutbon über 25 Cent und Kleingeld bezahlt. Nachdem die schlaftrunkene Kassiererin um ein Haar meine Thainudeln mit bei ihm mit abrechnet, klärt er sie fünf Minuten darüber auf, dass er nur den Korn kaufen wollte. Nur den Korn. Ja ja, aber wirklich nur den Korn. Ja, den Korn da. Nur den. Die Nudeln da nicht, nur den Korn, den Nudeln will er ja gar nicht. Und da ist ja auch noch das Pfand. Das Pfand, jaaaa. Das Pfand für den Korn. Wörtlich sagt er: DER Pfand. Aber auch wirklich nur den.

Die Kassiererin nickt ein paar Mal und hält die Hand auf, ich glaube gleich schläft sie ein. Aber der Mann kommt gar nicht dazu, die sechs Euro aus seinen zehn und zwanzig Cent Stücken zusammen zu zählen, da er viel zu sehr damit beschäftigt ist wild zu gestikulieren und auf die Flasche zu zeigen, die natürlich längst abgerechnet wurde.

15 Minuten habe ich für meinen Einkauf gebraucht und noch mal weitere zehn an der Kasse gestanden.

Auf dem Weg zurück freue ich mich auf mein Bett. Meine Augenlider sind schwer wie Blei und ich sehe diese weißen Punkte überall, als würde hinter meinen Augen ein Schneesturm toben. Im Supermarkt hatten sie diese kleinen Säcke mit Feuerholz- ich habe zwei mitgenommen. Mittlerweile rechne ich nicht mehr damit, dass in den nächsten Tagen jemand die Heizung reparieren wird. Die Stadt ist wie ausgestorben. Bis auf den Wind ist es still. Wo sind die Autos? Sie parken, alle. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wann ich das letzte Mal eines habe fahren sehen. Ohne den Wind, wäre es angenehm ruhig.

Und zu Hause im Treppenhaus? Hämmern.

Ich kann nicht anders und schüttele den Kopf. Unter dem Gewicht der drei prall gefüllten Plastiktüten und den Säcken mit dem Feuerholz erscheinen mir die Stufen bis zu mir in den dritten Stock heute ungemein viel an der Zahl.

Im zweiten Stock bleibe ich kurz vor der Wohnungstür stehen. Einen kurzen Augenblick überlege ich zu klopfen und mich zu erkundigen, wie lange die Bauarbeiten wohl noch dauern. Jemand spricht da drinnen und ich will die Gelegenheit nutzen endlich mitzubekommen über was. Aber auch von hier kann ich nichts verstehen, die Tüten rascheln zu laut aneinander. Als ich sie abstellen will, verheddere ich mich mit den Handgelenken in den Trägern, so dass ich mit ihnen zu kämpfen habe. Natürlich reißt eine unter dem Gewicht und den Verrenkungen, die ich anstelle. Eine Dose Erbseneintopf rollt gemächlich die Stufen herab. Unter Stöhnen befreie ich mich von meinen Einkäufen, lehne die Tüten an das Treppengeländer und renne der Dose bis zum Treppenabsatz nach. Wieder oben mache ich mich daran den restlichen Inhalt der Tüte vom Boden aufzulesen. Plötzlich wird die Tür geöffnet, sie haben sie wohl doch nicht von innen vernagelt, und ein Schatten erstreckt sich über mir. Erschrocken Blicke ich auf und entdecke die Frau, die ich vor ein paar Tagen gesehen habe. Sie schaut mich irgendwie ausdruckslos an, aber es wirkt nicht unfreundlich. Ich muss wohl recht hilflos aussehen, so dass sie direkt in die Knie geht und mir hilft. Während sie damit beschäftigt ist die Dosen so in der Tüte zu verstauen, dass ich sie in ihrem Zustand noch tragen kann, spähe ich durch die halboffene Tür in die Wohnung herein. Aber auch aus dieser perfekten Position kann ich nicht im Ansatz erkennen, was sie dort bauen. Das Hämmern kommt laut aus einem der Nebenzimmer. Ohne Vorwarnung streckt einer der Männer seinen Kopf auf dem Flur hinaus. Es ist ein anderer als der, den ich neulich gesehen habe, aber er schaut mich mindestens genauso finster an. Schnell Blicke ich zu Boden und packe hektisch die letzten Dosen in die Tüte. Unter den unangenehmen Blicken des Mannes und der Frau hänge ich mir hastig die anderen Tüten um die Handgelenke, ohne mir den Schmerz anmerken zu lassen, den die Träger verursachen, die sich in mein Fleisch drücken, hebe die gerissene Tüte vom Boden auf, drücke die kaputte Stelle umständlich an meinen Oberkörper, nicke der Frau als Dank kurz zu und sehe zu, dass ich so schnell wie nur möglich in meine Wohnung verschwinde. Ich drehe mich nicht noch mal um, aber ich kann die Blicke der beiden Spüren, die mir fest im Nacken sitzen, bis ich außer Blickweite bin.

Ich lasse meine Einkaufe auf den Küchentisch fallen und atme tief durch- bin völlig außer Atem. Gerade als ich meine Wohnungstür schließen will, bemerke ich, dass die beiden immer noch im Hausflur stehen und streiten. Nicht laut- wie immer kann man kein Wort verstehen- aber an der Stimmlage erkennt man es. Noch während ich in der offenen Tür stehe ziehe ich mir meine Schuhe aus und gehe dann auf Zehenspitzen auf den Hausflur heraus. Durch die Biegung die die Treppe macht können sie mich nicht sehen. Aber ich sie leider auch nicht. Vorsichtig und ohne zu atmen lehne ich mich ein wenig über das Treppengeländer und spähe nach unten. Ich kann nur die Frau erkennen, und auch nur ihre Schulter. Seine Hand sehe ich auch ziemlich oft vorbei huschen, er redet sich flüsternd in Rage und fuchtelt mit den Armen umher. Zum Schluss schlägt er sie, glaube ich. Natürlich sehe ich es nicht genau, und ich will ihm auch nichts unterstellen, aber ich höre ziemlich deutlich ein Klatschen, nachdem sie etwas gesagt hat, und sehe, dass ihre Schulter sehr plötzlich zuckt, so als wenn etwas gegen sie prallt. Dann gehen sie rein. Die Tür wird verschlossen und von innen mit einer Kette verhängt.

Die neuen Nachbarn haben nicht nur das Hobby in ihren vier Wänden einer Schreinerei zu betreiben, sie sind auch noch gewalttätig und streiten gerne- obendrein machen sie mir Angst. Tolle Aussichten.

Ich gehe wieder in meine Wohnung. Nachdem ich meine Einkäufe eingeräumt habe entschließe ich, dass es nicht schaden kann meine Tür von innen zu verschließen.

Mittlerweile wird es schon wieder Dunkel, wenigstens spendet das Feuerholz wesentlich mehr Wärme als meine alten Zeitungen. Ich versuche eine ganze Weile meine Küchenuhr zu reparieren, aber es ist hoffnungslos, ich schmeiße sie weg.

Wiedermal liege ich in meinem Bett, eine Kerze flackert in der Ecke, meine Augen brennen aber der Schlaf will nicht kommen und die Hammerschläge durchbohren das Haus.

TAG 4

Posted in Die Erste Woche on 24 Februar, 2008 by Limbo

Es ist immer noch tiefste Nacht und bisher habe ich nicht geschlafen. Ich habe versucht ein wenig zu lesen, aber immer wieder verblassten die Worte vor meinen Augen und wurden von meinen Gedanken verschluckt.

Manchmal scheint es mir, als würde die Stadt uns in Zombies verwandeln. Keiner kennt irgendwen. So richtig meine ich. Herrgott, ich kann mich nicht mal an meine Nachbarn erinnern. Da ist es doch kein Wunder, dass man mit der Zeit gefühllos wird- und einsam. Und wenn man für eine zu lange Zeit einsam ist wird man depressiv oder kommt auf komische Gedanken. Ich habe mich daran gewöhnt, dass jeder hier in der Stadt irre ist. Was bleibt einem auch anderes übrig? Und seien wir mal ehrlich- wir sind so beschäftigt mit uns selbst, dass wir gar nicht mitbekommen, dass bei irgendwem die Sicherung schon seit langer Zeit durchgebrannt ist. Da laufen Amokläufer durch die Straßen, Terroristen, Choleriker, Perverse und es interessiert uns einfach nicht, ja wir vermuten es nicht mal. Ich bin auch so, aber ich bin mir nicht sicher, ob mich das beruhigen sollte oder nicht. Man denkt ja auch nicht dauernd daran, wenn man sich mit jemanden unterhält, oder ob vor einem im Supermarkt an der Kasse gerade der nächste Manson gestanden hat, und so viel passiert ja auch nicht. Hin und wieder gibt es dann eine kleine Explosion; bricht das Elend aus seinem Schattendasein hervor und übermannt uns. Dann werden wieder Stimmen laut, die nach Vergeltung schreien, Veränderungen fordern, Opfer. Aber diese Leute sind auch nicht besser. Sie sind selber nur Abschaum, der es gerne hat die Aufmerksamkeit von sich zu lenken- um nicht aufzufallen. Um den kleinen Dämon in ihrem Inneren in Ruhe zu füttern. Bis es dann irgendwann wieder geschieht. Irgendwo- und dann geht alles wieder von vorne los. Man weiß nicht, wen es trifft, auch ich könnte auf der Stelle durchdrehen. Man redet sich selber gerne ein, dass man sich im Griff hat. Aber wie läuft das, wenn man irre wird? Wacht man dann eines Morgens auf und denkt sich: „Jetzt ist es soweit- ich bin komplett wahnsinnig geworden.“  Oder ist es so, dass man sein Leben ganz normal weiter lebt und nur die anderen für verrückt erklärt? Ich persönlich wäge mich auf der sicheren Seite, solange ich meine Mitmenschen noch verstehen kann- oder zumindest glaube sie zu verstehen. Erst wenn die Zahl derer, die ich für vollkommen irre halte ins unermessliche steigt, werde ich beginnen mir Sorgen um mich selbst zu machen.

Ich glaube es wird Zeit, dass ich mal wieder vor die Tür gehe. Wenigstens ist unter mir seit ein paar Stunden Ruhe eingekehrt. Vielleicht falle ich ja gleich endlich in einen ohnmächtigen, unerholsamen Schlaf, der zumindest meine Gedanken rein waschen wird.

TAG 3

Posted in Die Erste Woche on 23 Februar, 2008 by Limbo

Im Morgengrauen geht das Hämmern wieder los. Es ist anders als gestern. Während es dort nach der Arbeit eines Einzelnen klang, ist es heute viel lauter und es scheint als seien mehrere Leute mit der Arbeit beschäftigt. Was gestern noch einzelne rhythmische Schläge waren wird heute zu einem, sich überlagernden, unrhythmischen Klangbrei. Hin und wieder höre ich das Kind weinen und dann vernehme ich Geschrei, kann aber kein Wort verstehen. Auf allen vieren knie ich auf dem Boden, ein Ohr an die Holzdielen meines Schlafzimmers gepresst, aber ich kann sie noch immer nicht verstehen. Sie arbeiten nicht in dem Raum direkt unter dem Schlafzimmer. Ohne mein Ohr deutlich vom Boden abzuheben krieche ich durch meine Wohnung auf der Suche nach dem besten Punkt, aber es ändert nichts. Leise Stimmen, wenn sie dort unten normal sprechen, kann ich schon als Gemurmel vernehmen, aber die Worte sind immer noch zu undeutlich- meine Neugier befriedigt das nicht. Gerade als das Kind wieder einmal zu schreien beginnt und ich mein Ohr fester an den Boden Presse, so fest, dass es mir vorkommt, ich würde es am liebsten durch den kalten Untergrund drücken, klingelt es. Ich erschrecke und starre auf die Gegensprechanlage, verharre einen Augenblick in meiner animalischen Position, dann klingelt es wieder. Immer noch zittrig vor Schreck rappele ich mich auf und greife zum Hörer. „Hallo?“ frage ich, aber die Gegensprechanlage ist, so gut wie alles in diesem Haus, schon seit einiger Zeit kaputt, von draußen kann ich lediglich ein Rauschen hören. Ich drücke auf den Summer und höre die Haustür, die sich mit einem Klacken öffnet. Gebannt stehe ich in meiner Wohnungstür und lausche den schnellen Schritten die sich mir durch das Treppenhaus nähern. Wer kann mich schon unangekündigt besuchen kommen? Mein Blick schweift zur Küche, ich denke an den Messerblock, überlege mich zu bewaffnen, nur für den Fall. Aber wer sollte mir etwas antun wollen? Und warum sollte er vorher klingeln? Noch während ich das denke huscht die Gestalt die letzte Treppe hinauf und ich blicke in das Gesicht von Markus. Wir haben uns schon seit Wochen nicht mehr gesehen und er ist der letzte mit dem ich gerechnet hätte. Er trägt seinen olivgrünen Parka und ist in einen dicken Schal gehüllt. Draußen muss es wieder sehr kalt geworden sein, kälter als ich gedacht habe, seine Nase ist völlig rot. Direkt nachdem ich ihn hereinbete und er seine Jacke öffnet kläre ich ihn über das kleine Feuer in meinem Flur auf und frage ihn, ob er einen Kaffee trinken möchte. Dankend nimmt er in der Küche Platz, wirft die Jacke über die Lehne des Stuhls und fischt seine Zigaretten aus der Hosentasche. Er zündet sich eine an und wischt sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Ich kann mir nicht helfen, aber irgendwie sieht er übel aus. Seine langen Haare hängen ihm strähnig ins Gesicht und er hat tiefe Schatten unter den Augen. Ein wenig rustikal wirkt er, unrasiert wie er ist. So habe ich ihn in der Uni nie gesehen. Vermutlich ist er selbst nie davon ausgegangen einmal so vor die Tür zu gehen.

Er sei zufällig hier vorbei gekommen, sagt er während ich ihm Kaffee einschenke, und habe sich überlegt einfach mal zu schauen, ob ich schon wach sei.

Markus erzählt mir, dass er die Semesterferien genutzt hat um endlich mal wieder seine Eltern zu besuchen, er sei erst vor zwei Tagen wieder gekommen und habe die vergangene Nacht so gut wie gar nicht geschlafen.

Was ich so mache?

Ich zucke mit den Schultern, mein Blick wandert über den Küchenboden, die kaputte Uhr liegt immer noch da, ich höre das Hämmern. Jetzt wo Markus da ist, kommt es mir noch lauter vor. Es übertönt die Stille in unserem Gespräch. „Willst du noch einen Kaffee?“ frage ich ihn, laut, um die Geräusche von unten zu kaschieren. Er nickt. „Zieht unter dir jemand neues ein?“ fragt er mich. Und erst jetzt, wo er es sagt fällt mir etwas ein, dass ich gestern gar nicht bedacht habe. Ich habe keinen der Leute, die dort waren jemals zuvor gesehen. Krampfhaft versuche ich mich zu erinnern, wer vorher in der Wohnung gelebt hat, aber so sehr ich auch versuche mich zu konzentrieren, mir Gesichter in Erinnerung zu rufen, es will mir nicht einfallen. Erneut bleibt mir nichts anderes übrig als mit den Schultern zu zucken und Markus Kaffee nachzuschenken.

Er bleibt noch eine Weile, erzählt mir ein paar Anekdoten, über die Dinge die er gemacht hat, während er zu Hause war, welche blöde Sache irgendwem passiert ist, weil er zu betrunken war, was aus diesem und jenem geworden ist- Namen die mir allesamt nichts sagen, Gesichter die ich nicht kenne und mir nicht vorstellen kann. In meinem Kopf sehen sie alle gleich aus und irgendwie wie Markus. Mit meinen Gedanken bin ich sowieso ganz weit fort, denke an die Männer mit den Brettern, an die junge Frau mit dem Kind und daran, wer verdammt noch mal vorher die Wohnung bewohnt hat.

Und genauso unerwartet wie er gekommen war, bricht Markus wieder auf. Er sagt, er müsse sich ein wenig beeilen, müsse gleich arbeiten und dass wir die Tage unbedingt mal was trinken gehen sollten. „Ich ruf dich an“, sagt er und streckt mir seine Hand entgegen. Ich verschließe die Tür hinter ihm und sehe mich wieder dem Alleinsein gegenüber.

Das Hämmern und Sägen hört den ganzen Tag nicht auf. Es ist mal lauter und mal leiser, ich verbringe die Zeit damit am Fenster zu stehen, wie ich es so oft mache und blicke hinunter auf die Straße. Aber es ist sehr wenig los. Ich bin nicht müde und nicht wach und ich weiß, dass ich heute wieder einer langen Nacht gegenüber stehe.